Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- Heft 9 (September 1898)
- Article
- Die Regelung des jüdischen Armenwesens, ein Erforderniß der Zeitverhältnisse
- Date
- 1898-09-01
- Page
- 428 (sequence 2)
- Language
- German
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428 Im deutschen Reich. Kräftigung und Entwickelung der edlen Blüthe, die bis auf den heutigen Tag noch nichts von ihrer Pracht und ihrem Duste eingebüßt hat. Ein solches Bild aufzurollen, in allen seinen Einzelheiten zu erklären, ist eine dankbare Aufgabe, die das Herz erhebt und den Geist aufrichtet. Wie aber, wenn das fprüchwörtlich gewordene jüdische Herz, der immer rege Drang zum Geben und Helfen, das herrliche Bild der jüdischen Wohlthätigkeit auch seine Kehrseite hätte? Wie. wenn die Schilderung dieser Kehrseite unserer Freude an dem Bilde einen Dämpfer aufsetzen, uns zu ernstem Nachdenken anregen und uns schließlich die Ueberzeugung aufdrängen wird, daß der Strom der Wohlthätigkeit, der unablässig fließende, dringend der Regulierung bedarf und daß es höchste Zeit ist, ihn mit kundiger Hand dahin zu leiten, wo er wirklich heilbringend und segensreich in seinen Wirkungen werden kann? Es ist schon hundertfach darauf hingewiesen worden, welches ungeheure Vermögen alljährlich im Armenwesen verausgabt wird, ohne daß irgend einem wirklich damit aufgeholfen würde. Wie geht es damit innerhalb der jüdischen Kreise? Stellt sich in diesen, der Wohlthätigkeit so sehr zugeneigten Kreisen die Sache wesentlich anders? Man muß erstaunen, wenn man in jeder jüdischen Zeitung die Summen liest, über die die Wohlthätigkeit verfügt, wenn man sieht, wie willig und leicht der Jude jede Besteuerung zu Gunsten der Armen trägt, ja wie hoch er sich selbst dazu besteuert. Wo giebt es eine Gelegenheit, bei der er nicht der Armen gedenkt? In seiner Herzensfteude, in seiner Herzensangst, in seinem Schmerze, in Krankheit, bei Genesung, bei jeder denkbaren Gelegenheit und am meisten beim Sterben. Tausende und Abertausende werden gespendet in kleinen, größeren und großen Summen, Tausende werden in Stiftungen aller Art und in Legaten vermacht. Wie viele, reich dotierte Vereine hat jede wohlhabende größere Gemeindet Es wäre ein idealer Zustand, wenn nicht eine Kleinigkeit dazu fehlte: Menschen, die ihre Zeit, Kraft und Intelligenz zu dem Gelde gesellen, um dasielbe auch wirklich fruchtbar für die Nothleidenden zu verwerthen, Menschen, die von der Wahrheit durchdrungen sind, daß nichts damit geleistet ist, dem Armen das Almosen, und sei es auch noch so reich, einfach hinzuwerfen, nichts geleistet, weder für ihn noch für die Gesammtheit.