Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- Heft 9 (September 1898)
- Article
- Die Regelung des jüdischen Armenwesens, ein Erforderniß der Zeitverhältnisse
- Date
- 1898-09-01
- Page
- 427 (sequence 1)
- Language
- German
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4S? Die Regelung des jüdischen Armenwesens, ein Erforderniß der Jeitverhältniffe. fm Oktoberheft der Revue des Stüdes juives ist ein Vortrag abgedruckt, den der Direktor des Pariser Rabbinerseminars I. Lehmann in der Societe des etudes juives gehalten hat. In diesem „Assistance publique et privee d’apres l’antique legislation juive“ — „Oeffentliche und private Hilfe nach der alten jüdischen Gesetzgebung" — betitelten Vortrag ist dargelegt, wodurch den Juden von Anfang an die Fürsorge für ihre Besitzlosen in's Herz gepflanzt wurde, wie durch die Verschmelzung der religiösen Vorschriften mit der Zivilgesetzgebung das Wohlthun dem jüdischen Charakter so fest ausgeprägt wurde. Es wird darin ausgeführt, daß bei den Juden Nicht nur dem Worte nach Gerechtigkeit und Wohlthun dasselbe bedeutet, sondem in Wirklichkeit die Mildthätigkeit zu einem Gebot der Gerechtigkeit wurde und der Dürftige ein Recht auf Hilfe geltend machen konnte, wie die Grenzen zwischen pflichtmäßigen und freiwilligen Leistungen gar nicht mehr zu ziehen waren, so daß bei der Bethätigung der Wohlthätigkeit niemand eigentlich mehr wußte, wozu er gesetzlich verpflichtet war und wozu der fromme Glaube ihn anhielt. Moses begnügte sich nicht damit, die Armengesetze dem Religionskodex selber einzuverleiben und damit die nothwendigen Maßregeln zur Erleichterung der Armuth zu treffen, sondern er ordnete gesetzlich auch alles an, was ihm zur Vorbeugung gegen Verarmung nothwendig erschien. Wie hoch im späteren Judentyum über Beten und Fasten das menschenwürdige Handeln gestellt ist und wie die klare Theorie in eine praktische Nächstenliebe sich auswuchs, das wird durch alle Stadien der jüdischen Geschichte verfolgt. Die Jahrhunderte des Elends und der Verfolgungen brachten dem WohlthätigkeitStriebe immer neue Nahrung und vollendeten die