Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- Heft 9 (September 1898)
- Article
- Zu den Landtagswahlen
- Date
- 1898-09-01
- Page
- 425 (sequence 3)
- Language
- German
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Zu den Landtagswahlen. M , demokraten, welche zufolge ihrer allgemeinen Anschauungen unmöglich gegm die Gleichberechtigung einzelnerBevölkerungSgruppm sein können, sondem mit den Stimmen jener zahlreichen Unzufriedenen, welche nur in Folge ihres Mißvergnügens sozialdemokratisch wählen, zu rechnen. Unter diesen Mißvergnügten giebt es heute nach zwanzig Jahren antisemitischer Hetzereien gewiß gar manchen, der Antipathie gegen Juden hegt und, sozialdemokratisch zu stimmen, Anstand nimmt, wenn der Kandidat sich zum Judenthum bekennt. Auf die Gefahr des Verlustes der Stimmen solcher Leute berücksichtigt aber die Parteileitung nur die sonstige Tüchtigkeit des Kandidaten, nicht sein religiöses Bekenntniß, und sie hat wahrlich keine schlechten Erfahrungen auf diesem Wege gemacht! Dort ist aber Parteidisziplin vorhanden, dort gilt der Wille der Parteileitung, welcher die Partei folgt, weil sie erprobt hat, daß sie auf diesem Wege ihrem Jntereffe gemäß geführt wird. Und die liberalen Parteien, als deren Vertreter ein Gabriel R i e s s e r, ein I o h a n n Jacobs, ein K o s ch, ein L a S k e r, «in Ludwig Loewe, ein Ludwig Bambergsr, ein Straßmann u. A. m. Zierden deutscher Parlamente gewesen sind, sollten jetzt nicht wagen, Kandidaten aufzustellen, welche in jeder Hinsicht zu Volksvertretern geeignet, aber zugleich auch so charaktervoll sind, bei dem Glauben ihrer Väter zu beharren, obgleich jetzt auf die Treulosigkeit Belohnungen in Form äußerer Vortheile gesetzt werden? Ist ja selbst einem Manne, wie Max Hirsch, der doch ein längst erprobter Kampfgenoffe der liberalen Parteileiter ist, kein Mandat Vorbehalten worden; aber freilich: der Mann bekennt sich zum Judenthum! Das muß anders werden; auf diesem Wege der Verleugnung liberaler Grundsätze können liberale Parteien nicht verharren, ohne die von ihnen vertretene Sache überhaupt zu schädigen: wer die Grundmauer des Hauses einreißen läßt, in dem er wohnt, wird unter den Trümmem des einstürzenden Bauwerks begraben. Jetzt ist es hohe Zeit, jetzt bietet sich aber auch die Gelegenheit, Wandel zu schaffen. Wir hängen nicht Träumen von einem jüdischenCentrum Nach, wohl aber wollen wir, daß geeignete Kandidaten nicht deshalb, weil sie zugleich Juden sind, ausgeschlossen werden; wir wollen nicht, daß Abgeordnete in das Parlament entsandt 33'