Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- Heft 9 (September 1898)
- Article
- Zu den Landtagswahlen
- Date
- 1898-09-01
- Page
- 424 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2316602-2316637-2316646-2322881--04352-2322953- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
424 Im deutschen Reich. sei: wir gönnen Herrn Stöcker den traurigen Ruhm, mit dem er, der sich einst „einen zweiten Luther" nennen ließ, sich jetzt bescheiden gelernt hat. Wie es aber überhaupt möglich ist, daß wir vor dieser Thatsache stehen, muß Angesichts der in der zweiten Hälfte des nächsten Monats bereits stattfindenden LandtagLwahlen erörtert werden. Daß die konservativen Parteien keine jüdischen Parlamentskandidaten aufstellen, ist selbstverständlich, seit diese Parteien geglaubt haben, -durch Aufnahme des Antisemitismus in ihr Programm ihre Aussichten verbessern zu können. Das Zentrum scheidet als eine geschlossene katholisch-konfessionelle Partei für diese Betrachtung ohne Weiteres aus. Unter Polen, Welfen und Dänen kann man jüdische Kandidaten naturgemäß nicht finden, weil die Juden zu gute Deutsche bezw. Preußen sind, um sich antinationalen Bestrebungen anzuschließen. Und die liberalen Parteien? Nun, auch sie scheinen angenommen zu haben, daß sie dem Moloch des Antisemitismus ein Opfer des Intellekts bringen sollen, daß sie durch Konzessionen an die Forderungen antisemitischer Schreier ihrer Partei zu Mandaten verhelfen oder ihr Mandate erhalten würden, die gefährdet sein könnten, wenn ein Jude aufgestellt würde. Es mag dahingestellt bleiben, ob eine solche Konzession an Leute, die sich Liberale nennen und doch durch antisemitische Gesinnung das Grundprinzip des Liberalismus — Gleichberechtigung aller Bürger — verletzen, nicht einer großen Partei von vorneherein unwürdig ist; nur darauf muß hingewiesen werden, daß diese Rechnung auch thatsächlich garnicht stimmt. Ehe sich liberale Parteileitungen dazu hergaben, Juden als Parlaments-Kandidaten gänzlich auszuschließen, gab es eine Uebergangszeit, in welcher man jüdische Kandidaturen noch in solchen Wahlkreisen zuließ, in denen sie völlig aussichtslos waren. Es giebt aber keinen Wahlkreis, von dem sich Nachweisen ließe, daß der jüdische Kandidat, weil er Jude ist, weniger Stimmen bekommen hätte, als vorher und nachher christliche Kandidaten. Damit dürfte erwiesen sein, daß jene wenig ehrenvollen Konzessionen auch praktisch nutzlos waren. In dieser Beziehung können die Liberalen von den Sozialdemokraten lernen. Diese haben nicht nur mit den Stimmen überzeugter Sozial-