Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- Heft 8 (August 1898)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1898-08-01
- Page
- 396 (sequence 7)
- Language
- German
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396 )m deutschen Reich. „Nicht eine der bürgerlichen Parteien hat den Willen und die Kraft, dem Antisemitismus entgegenzutreten wie die sozialistische, hat doch nur die sozialdemokratische Partei Reichstagsabgeordnete jüdischer Konfession in ihrer Mitte. Nicht einmal die freisinnige und demokratische Partei haben seit dem Ueberwuchern deS Antisemitismus den Muth gefunden. Israeliten als Kandidaten aufzustellen und für ihre Wahl einzutreten. Man hat der Sozialdemokratie schon oft vorgrworsen, sie sei verjudet; möge man uns diesen Vorwurf ruhig machen; wir sind stark genug, ihn hinnehmen zu können, ohne Schaden dabei zu leiden. Es ist unser vornehmstes Ziel, für Befreiung der ganzen Menschheit zu schaffen und zu wirken, und zählen es mit zu unseren Aufgaben, auch für unsere in ihrer bürgerlichen Gleichberechtigung bedrohten jüdischen Mitbürger einzutreten. Wenn wir deshalb als verjudet gelten, betrachten wir diese Bezeichnung als einen Ehrentitel. Das Schmählichste an der antisemitischen Bewegung ist noch das, daß sie in ihrer praktischen Betätigung gerade die so hart um ihre Existenz ringenden jüdischen Mittelstände und Proletarier am schwersten schädigt und trotz ihres Geschreis gegen das jüdische Großkapital vor diesem gerade so auf dem Bauch rutscht wie vor dem christlichen. Die wirthschastliche Entwickelung schafft mehr als alle Agitation, und für so kurzsichtig dürfen wir die Juden denn doch nicht halten, daß nicht die doppelte Peitsche der wirthschaftlichen Degradation, welche durch die Verhältnisse und selbst gewiss« gesetzgeberische Maßregeln herbeigesührt werden wird, sowie der fanatische Rassenhaß sie in unsere Reihen treibt." Gerade die letzten Reichstagswahlen haben aber bewiesen, daß die deutschen Juden sich in erster Linie als Deutsche fühlen und sich so leicht nicht verbittern und dutch gehässige Anfeindungen auch nicht in ihrer politischen Ueberzeugung beirren laffen. Daß dabei oft eine gehörige Portion Selbstüberwindung nöthig war, ist unbestritten; die deutschen Juden sind aber so unverbesserliche Optimisten, daß sie die ihnen jetzt noch vielfach entgegenstehenden Vorurtheile nicht für bleibende und unbesiegbare halten. Trotzdem ist der Ausblick in die nächste Zukunft kein trostreicher, denn jetzt sind nicht nur die früheren Hörer eines Heinrich von Treitschke in Amt und Würden, sondern auch die Gesinnungsäußerungen der die Zukunft des Landes darstellenden akademischen Jugend so gehässiger Art, daß in den nächsten Dezennien auf keine