Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- Heft 8 (August 1898)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1898-08-01
- Page
- 391 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2316602-2316637-2316645--04247-2322817- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Umschau. 391 später widerrufen hatte, wieder auffrischten und mit seinem Bildniß geziert als Flugblatt massenhaft verbreiteten. Nicht nur durch Worte, sondern auch durch Thaten hatte der reife Mann bewiesen, daß sein politischer Standpunkt ein ganz anderer geworden war, als derjenige, den er zur Zeit jener Rede in den vierziger Jahren auf dem Vereinigten Landtage eingenommen hatte. Ms Leiter des preußischen Staatsministeriums hat er nicht das Geringste gethan, was auf die Absicht deuten konnte, die Emanzipation der Juden rückgängig zu machen; als Bundeskanzler billigte er das Gesetz vom 3. Juli 1869, welches alle aus der Verschiedenheit der religiösen Bekenntnisse hergeleiteten Rechtsbeschränkungen aufhob, und er war der Schöpfer der auf der demokratischen Grundlage des allgemeinen Wahlrechts begründeten Reichsverfassung, deren 3. Paragraph die Gleichberechtigung aller Bekenntnisse mit verfassungsrechtlicher Bürgschaft umgab. Auf dem Berliner Kongresse von 1876 ist Bismarck für die rumänischen Juden eingetreten,' denen die wohlwollenden Kongreßbeschlüsse nur deshalb nicht zu Statten kamen, weil man in Bukarest Mittel fand, dieselben zu umgehen. Wenn Bismarck am 30. Januar 1872 im preußischen Abgeordnetenhause der Mehrheit der deutschen Juden nachrühmte, sich durch besondere Befähigung und Intelligenz für Staatsgeschäfte auszuzeichnen", war dies offenbar nicht eine leere Redensart, sondern seine Ueberzeugung. Diese veranlaßte seinen Gedankenaustausch mit Lassalle, seine regen .Beziehungen zu Lasker, Bamberger, Simson, Kayser und Bleichröder. Daß der große Staatsmann gelegentlich auch mit dem, Hofprediger Stöcker paktierte und diesem zeitweilig seinen mächtigen Schutz angedeihen ließ, war wohl nur auf Zweckmäßigkeitsgründe zurückzuführen, weshalb der Hofprediger a. D. sich auch seinem Beschützer gegenüber nie zu aufrichtigem Dank verpflichtet fühlte. Der Bruch Bismarck's mit seinem eifrigsten jüdischen Mitarbeiter Eduard Lasker war nicht nur eine nothwendige Folge der politischen Verhältnisse, sondern auch der Verschiedenheit der Charaktere; der jüdische Idealist eignete sich nicht zum gefügigen Werkzeuge des reckenhaften märkischen Realpolitikers — „das zarte Saitenspiel zerbrach in seiner ehernen Hand". Dem Grundsätze „biegen oder brechen" fielen auch begabte christliche Mitarbeiter wie Arnim, Keudell, Rottenburg u. A. m. zum Opfer, und dies gereichte Keinem, der sich nicht zu biegen vermochte, zur Unehre. Von Eduard Simson, den dev von dem unsinnigen „RassenantisemitiSmus" völlig freie Staatsmann einst zum ersten Präsidenten des Reichsgerichts machte und den er deni Abgeordneten Reichensperger gegenüber einmal als „einen der