Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- Heft 8 (August 1898)
- Article
- Die Lage in Oesterreich
- Date
- 1898-08-01
- Page
- 388 (sequence 4)
- Language
- German
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386 3m deutschen Reich. verhindert, und das mag dazu beitragen, ihn höhem Ortes zur persona grata zu machen. Niemand sieht es ihm an, daß er einmal ein Demokrat gewesen ist. Und doch fehlt es ihm nicht an Sorgen. Was halfen dem Haman alle Reichthümer und alle königliche Gunst, da Mardechai nicht das Knie beugte und sich nicht niederwarf. Jeden Tag, wenn er durch das Thor des königlichen Palastes ging, ärgerte er sich furchtbar über den eigensinnigen Juden. Nun, die paar Mardechais oder wie sonst die wenigen Inden heißen, die im Gemeinderath sind — der gutbesoldete Stadtrath ist judenrein — ärgern ihn nicht sehr, aber.seine eigenen Leute, seine besten Helfer — die Strobach, Gregorig, Purscht u. s. w. — lehnen sich gegen ihn auf, bereiten ihm allerlei Ungelegenheiten. Sie haben so viel beigetragen, ihn zu erheben, daß „sein Stuhl über alle gesetzt werde", und finden nun, daß sie nicht genug Antheil an der Macht haben. Dazu vergeht fast kein Tag, wo nicht irgend eine schmutzige Geschichte von einer der antisemitischen Größen an's Tageslicht käme. Die Leute, die am lautesten gegen die „jüdische Korruption" gedonnert haben, erweisen sich nach und nach als die habsüchtigsten und skrupellosesten Gesellen, die ihre Stellung zu ihrem eigenen Vortheil ausnutzen. Den „Deutschvolklichen" habe ich prophezeit, daß sie im Bündniß mit den Klerikalen die Betrogenen sein werden, und das ist nun auch eingetroffen. Sie werden von ihren ehemaligen Bundesgenoffen an die Wand gedrückt, im Gemeinderathe unerbittlich majorisiert, in Volksversammlungen geprügelt. Deutschgesinnte Lehrer werden von der Gemeindeleitung gemaßregelt. Die Deutschnationalen werden von den Klerikalsozialen Hochverräther, Wodansanbeter, Judenknechte genannt, und am Ende entdecken die Vergani, Gregorig und Wähner noch, daß Thor und Baldur Juden waren, vr. Lueger, der ohne die Stimmen der deutschnationalen Gemeinderäthe nicht zum Bürgermeister gewählt worden wäre, behandelt sie jetzt mit demselben Hochnmthe, mit derselben schneidenden Ironie, wie ihre jüdischen Kollegen. „Der volle Sieg des Antisemitismus wird dem Deutschthum in Oesterreich so viel, wenn nicht mehr, als den Juden schaden", sagte ich vor zwei Jahren. Und in der That, wenn auch der Antisemitismus nicht vollständig gesiegt hat, nur stärker und