Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- Heft 8 (August 1898)
- Article
- Moses Mendelssohn als Pädagoge
- Date
- 1898-08-01
- Page
- 375 (sequence 5)
- Language
- German
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Mendelssohn als Pädagoge. 375 das gedrückte Reale leistet Widerstand und sorgt so für seine Selbsterhaltung. Diese Selbsterhaltungen sind die Vorstellungen. In innigem Connex hiermit steht die Frage der angeborenen Begriffe. Mendelssohn sagt (Bd. II, p. 253): „Die Fähigkeiten der Menschen sind entweder angeboren oder erworben, natürlich oder künstlich." Während Locke die Seele wie ein leeres Blatt, eine tabula rasa, betrachtet, dem erst die Erfahrung den Inhalt unseres Denkens giebt und somit die angeborenen Vorstellungen verwirft, entwickelt L e i b n i z seinen entgegengesetzten Standpunkt in „Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand'"), einem gegen Locke gerichteten Werk, folgendermaßen (p. 81): „Diese tabula rasa, von der man so viel spricht, ist nach meiner Meinung nichts als ein Phantasiegebilde, das in der Natur nicht vorkommt und nur in den. unvollständigen Begriffen der Philosophen gegründet ist", und weiter: „Es giebt keinen Körper, deffen Theile in Ruhe sind, und es giebt keine Substanz, die sich nicht in irgend Etwas von jeder anderen unterschiede."-Ich gebe zu, daß die Erfahrung nothwendig ist, damit die Seele zu diesen oder jenen Gedanken bestimmt werde, aber wie können denn Erfahrung und Sinnlichkeit Vorstellungen geben? Hat die Seele Fenster? Gleicht sie einer Tafel? Ist sie wie Wachs? Man wird mir entgegenhalten, daß in der Seele nichts sei, das nicht von den Sinnen kommt. Aber man muß die Seele und ihre Zustände selbst davon ausnehmen. Mbit «st in intellectu quod non fuerit in sensu, excipe: nisi ipse intellectus (das Denken selbst ausgenommen). Aehnlich Mendelssohn (Bd. I, p. 52): „Die Seele ist also beim Eintritte in dieses Leben keineswegs, wie die Aristoteliker wollen, mit einer glatten Tafel zu vergleichen, in welche die Buchstaben erst eingegraben werden sollen, sondern sobald sie vorhanden ist, muß sie auch Vorstellungen haben; denn nichts Anderes heißt für eine Seele vorhanden sein." Nach Herbart, wie wir bereits berührt haben, giebt es keine angeborenen Vorstellungen. Man merkt nach ihm nur, „daß in dem Zusammen des Realen sich etwas ereignen muß, was ohne °) sä. Kirchmann, Philosophische Bibliothek, 56. Bd., Berlin 1873.