Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1898)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1898-06-01
- Page
- 334 (sequence 9)
- Language
- German
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384 Im deutschen Reich. Aehnlich liegen die Dinge in Frankreich, welches die „Tägliche Rundschau" kürzlich höhnisch als „das klassische Land der Judenbefreiung" bezeichnet. In einem solchen Lande hätten Drumont und Genossen nie Erfolge erzielt, wenn nicht ein rascher sittlicher Niedergang und eine schreckliche Versumpfung ihr schlimmes Werk begünstigt hätten. Der Triumphzug, den die vier judengegnerischen Abgeordneten Algeriens bei ihrer Ankunft in Paris gehalten haben, ist von ernsten Männern sicher nicht nur als eine Gefahr für die in Frankreich lebenden Juden betrachtet worden, sondern auch für die staatliche und gesellschaftliche Ordnung in dem französischen Freistaat. Jedes Land hat die Juden, die es verdient; bei den jetzigen Verhältnissen in Frankreich ist es kein Wunder, wenn Georges Clömenceau, der in der „Aurore" bisher den Antisemitismus wacker bekämpfte, in einem „Und die Juden" überschriebenen Artikel sich etwas bitter über diejenigen äußert, deren Sache er besonders zu führen glaubt, wenn er gegen den Kulturrückschritt seines Vaterlandes kämpft. Er schreibt in einer entschuldbaren Zornesaufwallung: „Eine der Widerwärtigkeiten, denen man ausgesetzt ist, wenn man für Gerechtigkeit kämpft, ist die, daß man außer dem Hasse der Bedrücker auch die Unwissenheit, die Schwäche und allzu häufig das feige Herz der Bedrückten gegen sich hat. Denn die Tyranneien verderben den Sklaven ebenso wie den Herrn und machen aus dem einen ein Ungeheuer von Selbstsucht, aus dem andern einen erbärmlichen Haderlappen. So wurden zu allen Zeiten die Besiegten für den Sieger zu Werkzeugen neuer Eroberungen. So wurden zu allen Zeiten die Unterjochten zur Aufrechterhaltung ihrer Erniedrigung verwendet. Die großen Juden finden, daß alles wohlbestellt ist, da sie auf der Seite der Stärkeren sind. Ihre einzige Angst wäre, sich in einer Angelegenheit bloszustellen, in der sie ihrer Schätzung nach zu viel auf's Spiel setzen würden. Andere, viele, nehmen an dem Kampf für Recht und Gerechtigkeit aus Achtung vor ihrer eigenen Weltanschauung theil, genau so wie Christen oder Ungläubige. Aber die Masse, mehr vielleicht als jeder andere Pöbelhaufe, wartet, bis die Schlacht gewonnen ist, um dann dem Siege zu Hilfe zu kommen. Die Meisten halten den Mund oder schreiben anonyme Aufmunterungsbriefe." Wir wissen nicht, wie weit diese Vorwürfe berechtigt sind; unwahrscheinlich ist es nicht, daß sie es sind, denn in solchen weltgeschichtlichen Momenten verdirbt es den Charakter, wenn man als Klient wohlmeinender Gönner diese für sich kämpfen läßt, statt selbst in. die Bresche zu treten und die eigene Haut zu Markte zu tragen. Tausende derckscher