Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1898)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1898-06-01
- Page
- 333 (sequence 8)
- Language
- German
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Umschau. 333 Figuren von der Bildfläche verschwinden machen, und auch dies wäre als Gewinn zu betrachten. Am entschiedensten trat diese Gegenströmung in Hessen und Sachsen zu Tage, wo sich die Judengegner im sichersten Besitze der Mandate wähnten. Auch in der ö st e r r «i ch i s ch e n Reichshauptstadt gewinnt eS den Anschein, als ob der Antisemitismus durch seine eigenen Anhänger zu Grunde gerichtet werden solle. In der achten Generalversammlung deS österreichischen Vereins zur Abwehr des Antisemitismus gab am 31. Mai der Mg. Wrabetz dieser Erwartung Ausdruck und fügte hinzu, daß sich voraussichtlich spätestens in zwei Jahren bei den Wiener Gemeinderathswahlen die Folgen der Erkenntniß von der Mangelhaftigkeit der antisemitischen Gemeindeverwaltung zeigen würden. Derselben Ansicht gab der Abg. Kronawetter Ausdruck, indem er sagte: „Die Aufklärung wird kommen, wenn die Massen sehen, daß sie in ihren wirthschafllichen Interessen durch die antisemitische Strömung nichts erreichen." Besonders tiefen Eindruck Machten auf die anständige ruhige Wiener Bevölkerung einerseits die Raufscenen, welche in letzter Zeit zwischen den christlich-sozialen und deutschnationalen Wiener Antisemiten stattfanden, andrerseits die Enthüllung einer Korruption, wie sie schlimmer nie in jener Zeit vorhanden war, welche die Anhänger Luegers veranlaßt«, sich als sittliche Retter des Staates aufzuspielen. Vor Kurzem veröffentlichte das „Wiener Tageblatt" Briefe, welche der christlich-soziale Gemeinderath L e h o f e r, Lueger's Liebling, an einen Lieferanten von Straßensäuberungs-Apparaten gerichtet hatte, aus welchen Briefen hervorging, daß Lehofer von dem Lieferanten verschiedene Darlehen im Betrage von mehreren Tausend Gulden genommen hatte. Lehofer verzichtete Tags darauf aus „Gesundheitsrücksichten" auf seine gemeinderäthliche Thätigkeit. Diese Affaire war noch nicht vergessen, und schon hatte das „Wiener Tageblatt" eine unvergleichlich ernstere aufgebracht. Eine Frau stürzte sich in einer Wiener Vorstadt aus dem Fenster ihrer Wohnung und blieb todt auf der Straße liegen. In dem Moment der That war der christlich-soziale Gemeinde- und Stadtrath Purscht bei ihr gewesen. Als das Unglück geschehen war, schlich er still von dannen. Nach dem Tode der Frau kam aber erst eigentlich die große Schmutzgeschichte des Herrn Purscht auf. Man entdeckte, daß Herr Purscht der Geschäftstheilhaber der Verstorbenen, Mitbesitzer eines schlechten Hauses und außerdem eine sogenannte „Licitationshyäne" war. Trotzdein ist dieser Ehrenmann auf drei Jahre zum Stadtrath wiedergewählt worden. Derartige Verhältnisse können nicht von Dauer sein; der Sumpf, auf dem das antisemitische Gebäude in Wien errichtet ist, macht die. Festigkeit dieses Baues zur Unmöglichkeit.