Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1898)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1898-06-01
- Page
- 332 (sequence 7)
- Language
- German
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382 Im deutschen Reich. „gouvernementalen" zu verstehen, denen zu unterliegen Herr v. Manteuffel verdächtig war. Der Bildung einer kleinen neuen Partei zog aber Ploetz schließlich eine agrarisch-antisemitische Beeinflussung der gesammten konservativen Fraktion vor. Seine Abrechnung mit der „Staatsbürger-Ztg." hat den von ihm geleiteten „Bund der Landwirthe" indes nicht gehindert, eine ganze Anzahl von Kandidaturen der deutsch-sozialen Reformpartei zu unterstützen. Der Redakteur des „Bayerischen Vaterland", Dr. S i g l, dessen Preußenhaß sich oft noch drastischer äußerte als seine Gehässigkeiten gegen die Juden, hat abgelehnt, wieder für den Reichstag zu kandidieren und zwar, wie er in seiner komischen Ausdrucksweise angab, „wegen zunehmender Ekelhaftigkeit der Zustände im herrlichen Deutschen Reiche". Ob er und seine Anhänger diese Zustände wesentlich verbessert haben, darüber dürften die Meinungen sehr getheilt sein. Ein Nachahmer Sigls, der dessen urwüchsige Derbheit noch zu übertrumpfen sucht, der antisemitische Neichstagskandidat Dr. Dingfelder-Gnodstadt, macht den bayrischen Gerichten fast fortwährend zu schaffen. Kürzlich hatte er einem Gärtnereibesitzer seine Chaise zur Fahrt an die Bahn förmlich aufgezwungen und hinterher 12 Mk. für die Fahrt in Rechnung gesetzt. Eine weitere Klagesache Dingselders wegen einer unbezahlten Medikamentenrechnung wurde zunächst ausgesetzt, weil erst ein Gutachten des Kreismedizinalrathes über den Werth der von Dingfelder verabreichten Medikamente eingeholt werden sollte. Sein durch mehrere Prozeffe in weiten Kreisen bekannt gewordenes mehr als sonderbares Gebühren im Berufe hindert seine Anhänger nicht, den Wahlkreis mit den ältesten Jahrgängen der judenfeindlichen Flugblätter aus der bekannten Hermann Beyerschen Fabrik zu überschwemmen. Alle diese Blätter tragen den Aufdruck: „Der antisemitische Kandidat für den Wahlkreis Kitzingen - Gerolzhofen -Ochs e n f u r t ist der praktische Arzt und Landwirth Herr Dr. Dingfelder von Gnodstadt." Wenn sich auch nicht Voraussagen läßt, wie' die Würfel bei den Reichstagswahlen fallen werden, so ist doch nicht zu verkennen, daß sich gerade in denjenigen deutschen Gegenden, welche die Antisemiten als ihre Domaine betrachteten, eine starke Gegenströmung geltend macht. Daß diese Strömung wesentlich auf den meist sehr begründeten Antipathien gegen die Personen beruht, welche bisher in der antisemitischen Bewegung eine leitende Stellung Einnahmen, ist bedeutungsvoll und dürfte zwar noch keinen vollständigen Umschwung der Verhältnisse herbeiführen, aber doch einige der widerwärtigsten