Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1898)
- Article
- Die Entgegnung Paulsen's
- Date
- 1898-06-01
- Page
- 321 (sequence 9)
- Language
- German
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Die Entgegnung pcmlfett’s. 321 der bekannten Nationen des Alterthums femhielt und die reinste und höchste Moral predigte und übte. Das Christenthum wäre nie entstanden. Wie ungerecht es überhaupt ist, einzelne Stellen au» dem Zusammenhang zu nehmen und aus ihnen allein den Geist einer religiösen Verkündigung bestimmen zu wollen, steht für jeden Einsichtigen fest! Werfen wir einen kurzen Rückblick auf die Auslassungen des Herrn Professors. Es kann bei dem unparteiischen Leser auch nicht der geringste Zweifel obwalten, daß der gelehrte und hervorragende Autor sich hier an die Besprechung einer Frage gewagt hat, zu deren Lösung er durch seine Unkenntniß thatsächlicher Verhältnisse nicht befähigt war. Herr Paulsen weiß zu wenig von den wesentlichen und leitenden Prinzipien unserer Religion, ist zu wenig in die jüdische 'Geschichte der Vergangenheit und Gegenwart eingedrungen, er weiß von unsrem Empfinden, von unsrem Innen-' wie Außenleben nichts. Befangen in engen Vorurtheilen urtheilt er absolut nicht aus eigener Erfahrung; aus Büchern und Zeitschriften gewisser Richtung hat er sein Urtheil gebildet. Er erhebt schwere Anklagen, ergeht sich in unwürdigen Verdächtigungen und kann zur Bestätigung derselben nur apriorische Muthmaßungen angeben. Er muß doch selbst sehen, daß solch ein Vorgehen ein unrichtiges ist. Die einzige Thatsache, für die er einen Beweis antritt, nämlich die, daß die Inden einen verhältnißmäßig größeren Wissensdrang zeigen, ist für sie gewiß nicht entehrend. Er ist überzeugt, daß der Antisemitismus nicht eher aussterben wird, ehe nicht das Judenthum als solches ausgestorben ist. Aber sein Blick geht nicht über die Weiten seines Landes oder weilt dort, wo in den aufgestachelten und aufgehetzten Leidenschaften der Antisemitismus nur eine Begleiterscheinung der allgemeinen Unzufriedenheit der Bevölkerung ist. Sein Blick schweift nicht in die Länder, in denen seit Generationen von einer Judensrage keine Rede mehr ist, wo in den friedlichen und geordneten sozialen und politischen Verhältnissen das Gift des Antisemitismus keinen Boden findet. Während er ferner bei den angeblichen Fehlem seiner jüdischen Mitbürger, für die er jeden Nachweis überflüssig hält, mit behaglicher Breite weilt, hat er kaum ein Wort für die vielen guten 24*