Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1898)
- Article
- Zu den Wahlen
- Date
- 1898-05-01
- Page
- 239 (sequence 5)
- Language
- German
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Zu den Wahlen. 239 Wahlkreisen, bei denen diese, Besorgniß von vornherein ausgeschlossen ist, die ihrer Partei unbedingt sicher sind, oder die erst erobert werden sollen. Hält hier die Parteileitung einen jüdischen Kandidaten für geeignet, so dürfen die jüdischen Wähler ihn nicht der Konfession wegen ablehnen. Dieses Uebermaß von Bescheidenheit ist Schwäche; wir verwerfen diesen Standpunkt durchaus. Wenn in solchen Kreisen ein geeigneter Bewerber jüdischen Glaubens aufgestellt wird, so liegt kein vernünftiger Grund vor, seine Kandidatur nicht zu unterstützen. Das gänzliche Fehlen jüdischer Abgeordneter muß allmählich den Anschein der absichtlichen Ausschließung erwecken, denn bei der großen Anzahl jüdischer Wähler und bei ihrer im Verhältniß keinesfalls geringeren Qualifikation müßte schon nach der bloßen Wahrscheinlichkeitsrechnung der eine oder andere Abgeordnetensitz einem Bewerber jüdischen Glaubens zufallen. Deshalb betrachten wir es als eine Pflicht der Wähler jüdischen Glaubens, überall da, wo in einem der betreffenden Partei unbedingt sicheren Wahlkreise ein jüdischer Bewerber von mindestens gleicher Befähigung wie sein nichtjüdischer Mitbewerber ausgestellt wird, unbedingt für seinen Glaubensgenoffen einzutreten, für ihn zu wirken und zu stimmen. Wir scheuen uns auch nicht, die Begründung hinzuzufügen: weil der Bewerber Jude ist; nicht deshalb, weil wir Werth darauf legen, möglichst viele oder eine bestimmte Anzahl jüdischer Abgeordneter aufweisen zu können, wohl aber weil wir der Behauptung entgegentreten müffen, das Volk wolle überhaupt keine Vertreter jüdischen Glaubens. Ueberdies treten bei den jetzigen Strömungen so häufig in dem Reichstage und dem Landtage Angriffe gegen die Staatsbürger jüdischen Glaubens hervor, daß deren Abwehr ganz besondere Kenntnisse und ganz besondere Bereitwilligkeit erfordert. Die Vertreter der liberalen Parteien haben sich häufig genug in dankenöwerther Weife dieser Abwehr unterzogen, aber recht oft wäre auch eine andere Vertheidigung am Platze gewesen, eine Vertheidigung, wie sie nur von einem Manne geführt werden kann, der am eigenen Leibe fühlt, wie eü einem seines Glaubens willen Unterdrückten zu Muthe ist. Wir verlangen von einem Volksvertreter jüdischen Glaubens, wie hiermit wiederholt werden mag, keine Wahrnehmung besonderer jüdischer Jntereffen — denn solche wäre nicht seines