Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- Heft 4 (April 1898)
- Article
- Ehrenpflichten
- Date
- 1898-04-01
- Page
- 188 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2316602-2316637-2316642-2322222--03853-2322305- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
188 Im Deutschen Reich. Existenz oft bedroht sehen, — daß wir jenen Münnem die Ueberzeugung beigebracht haben: Wir sind keine Paria»; e» existiert eine Stelle in Berlin, der wir unsere Beschwerden vortragrn können, die dann niemals zögert, Unrecht von uns abzuwehren, — daß wir jenen Männern den Trost gegeben haben: in Fällen, in denen nicht Abhülfe zu erzielen, ist ihnen wenigstens die Möglichkeit gegeben, ihr Leid zu klagen, — auch das ist nicht gering anzusch lagen! Und dahin haben wir es gebracht, daß eine viel größere Zahl heute als früher bekennt: „Ich bin Jude; ich schäme mich nicht, es zu bekennen; ich erachte es als eine Ehre, es zu sein!" Stur, wer sich selbst achtet, kann die Achtung Anderer gewinnen und fordern. Deshalb war es eine dankenüwerthe Pflicht, der wir uns unterzogen, die Selbstachtung unserer Glaubensgenossen zu hebe». Und schon haben wir es dahin gebracht, daß zwar nicht die Zahl der Abtrünnigen, der Uebcrläufer erklecklich abgenommen hat, daß man sich aber heute schon schämt, ein getaufter Jude zu sein. Der anständige Theil der Andersgläubigen hat ja, wie ein Gerichtspräsident treffend einmal sagte, „über getaufte Inden noch seine ganz besondere Meinung"! Gewiß lassen sich noch Biele heute taufen, um Vortheile aller Art zu erringen; aber man beginnt doch bereits, sich jener Charakterlosigkeit zu schämen, und man wird hoffentlich bald dahin kommen, einzusehen: so charakterlos Diejenigen sind, die ihren Glauben wechseln wie ein Hemd, wenn es gilt, Vortheile zu erringen, welche, weil der Kampf unbehaglich, in Kriegszeiten zum Feinde überlaufen, die größere Charakterlosigkeit ist doch auf Seiten Derjenigen, die solche Uebertritte veranlassen. Denn sollte es wirklich dem Staate nützen, daß die Kraft von Leuten, die tauglich sind, Aemter auszufüllen, dem Staate in der richtigen Stellung entzogen wird, weil sie den Charakter besitzen, zu sagen: „Ich bin Jude und habe keinen Anlaß, meinen Glauben für schlechter zu halten, als irgend einen anderen!?" Sollte der Staat wirklich Vortheil davon haben, wenn einflußreiche Stellungen von Männern ausgefüllt werden, die, bisher charaktervolle Juden, durch äußere Vortheile dahin gebracht werden, charakterlose Christen zu werden? Wird nicht die Heuchelei künstlich groß gezogen durch