Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1898)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1898-02-01
- Page
- 107 (sequence 7)
- Language
- German
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vereinsnachrichte«. 107 Korruption. Redner verfolgt die Korruption durch die Justiz, wo sie am abscheulichsten, durch die Verwaltung, wo sie am feinsten und am häufigsten, endlich durch die Gesetzgebung, wo sie am meisten der wahren Staatsweisheit, die über der Staatsklugheit stehe, im Wege sei, und charakterisiert insbesondere die ethisch und logisch sinnwidrigen Bestrebungen der Antisemiten, der Ultramontanen und der Plutokraten. Er schließt mit dem Ausdrucke der Hoffnung, daß eine ethische Politik der Gefahr eines sozialen Tohu wabohu, die schon Goethe signalisiert habe, begegnen möge. Dem durch mehrere geschickt eingeflochtene CitaLe verschönten Vortrage folgte langanhaltender Beifall. Der Vorsitzende, Herr Rechtsanwalt Dr. M. H o r w i tz, dankte dem Vortragenden und betonte dabei, daß die in dem Vortrage enthaltenen Ausführungen über die ethischen Pflichten des Staates gegen schwache Minderheiten so recht eigentlich den Punkt berührt hätten, an welchem der Verein einzusetzen habe. Die deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens befänden sich in einer solchen Stellung der Schwachen und würden es stets bitter empfinden, wenn im Staate die napoleonische Meinung, daß das Herz des Staatsmannes im Kopse sitzen müsse, volle Geltung erhielte und der Schutz mächtiger Einzelinterefsen zur Korruption führe. Gerade sie seien" darauf angewiesen, von dem Staate Gerechtigkeit und - Humanität zu fordern und selbst dabei in der rechten Stellung der Schwachen, in einer unverzagten Defensive, zu verharren. Auf diese ethischen Momente hingewiesen zu haben, sei das Verdienst des Vortragenden. Der Aufforderung, zur Anerkennung für den letzteren sich von den Sitzen zu erheben, wurde einmüthig Folge geleistet. Auf den Tag des fünfjährigen Bestehens des Central-Vereins verweisend, bemerkte sodann der Vorsitzende, daß wir eigentlich keinen Grund hätten, recht froh zu sein und ein Freudenfest zu feiern, in einer Zeit, in der es noch immer schwerer Kämpfe bedürfe, um das zu erringen, was uns von Gott und Rechtswegen gebühre. Deutschland habe den traurigen Ruhm, die Wiege des Antisemitismus, des ärgsten Hohnes auf alle Ethik, gewesen zu sein; hoffentlich werde dieser Widerspruch gegen alle sittlichen Begriffe auch hier zuerst ein Ende nehmen. Hätte das deutsche Volk dieses Wesen des Antisemitismus früher erkannt, dann würde es sich desselben längst entledigt haben; es hätte des Central- Vereins nie bedurft, der beharrlich auf dieses Wesen verwies. „Wenn wir aber Umschau halten und sehen, daß jetzt in Deutschland doch mehr Klarheit in dieser Beziehung herrscht als in manchen Nachbar-