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Im deutschen Reich · 1898-02-01 · Heft 2 (Februar 1898) · p. 106

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
4 (1898)
Issue
Heft 2 (Februar 1898)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1898-02-01
Page
106 (sequence 6)
Language
German
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IRI
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106 Im deutschen Reich. Der Versammlung, welche aus Anlaß dessunsiayrigen Bestehens des Central-VereinS am Montag, den 14. Februar d. I., in den Sälen der „Schlaraffia-Berolina"-. Berlin SW., Enckeplatz 4, abgehalten wurde, wohnten über 1200 Personen bei und sehr bedeutend war die Zahl der Spätergekommenen, welche leider in Folge der bereits vorhandenen Ueberfüllung keinen Einlaß mehr finden konnten. Ein größerer Saal war in dieser Jahreszeit nicht zu ermiethen gewesen und deshalb auch die sonst für die Central-Vereins-Versammlungen so wünschenswerthe Einführung von Gästen möglichst eingeschränkt worden. Die maflenhafte Theilnahme an dieser Veranstaltung spottete aber jeder Vorausficht. Nach Eröffnung der Versammlung hielt Herr Professor Dr. Ferdinand Tönnies aus Hamburg einen gedankentiefen Vortrag über „Ethik und Politik", in welchem insbesondere die Richtigkeit der Lehrmeinung, daß die Politik außerhalb und oberhalb der Ethik stehe, einer, eindringlichen Prüfung unterzogen wurde. In Bezug auf die auswärtige Politik habe sich vielfach die Ansicht Napoleons Geltung verschafft: Le coeur de Thomme d’6tat doit etre dans sa tete, daß also bei dem Staatsmann die Klugheit jede hemmende Empfindung des Gemüthes und Gewissens verdrängen müsse. Wenn aber auch für den Staat nicht jene Gesetze maßgebend seien, welche den einzelnen Menschen in den Schranken der Sittlichkeit festhalten, so trügen doch das Völkerrecht und die Bündnißtreue eine ethische Tendenz an sich. Der Vortragende wies aber nach, wie schwierig es bei den jetzigen Verhältnissen der Weltpolitik sei, ethische Grundsätze für dieselben maßgebend zu machen. Ebenso schwer fei es freilich, in einer hochentwickelten Gesellschaft, für den Privatmann, seinem Egoismus zu entsagen. Der Egoismus sei nicht schlechthin böse, weise vielmehr den Erkennenden auf seine eigene Veredlung hin, durch die er mittelbar oder unmittelbar auch den Nebenmenschen nützlich werde; es frage sich, inwieweit auch der Staat neidischen oder mißtrauischen Nachbarn gegenüber solchen höheren Egoismus geltend machen, wie weit er überhaupt sich n a ch innen wenden könne. Jene roheren Grundsätze, die für die auswärtige Politik eine gewisse Berechtigung hätten, dürsten aber auf die innere Politik schon aus logischen Gründen keine Anwendung finden; vielmehr müsse diese nothwendig eine ethische Aufgabe haben. Die Vermehrung der äußeren Macht dürfte deshalb auch niemals auf Kosten der sittlichen Gesundheit stattfinden, und das Verhältniß der Regierten zu den Negierungen sei nicht möglich, außer als ein Verhältniß des moralischen Vertrauens. Das Vertrauen werde gebrochen durch Vermischung von Privatinteressen mit. dem öffentlichen Wohle, die

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