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Im deutschen Reich · 1898-02-01 · Heft 2 (Februar 1898) · p. 92

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
4 (1898)
Issue
Heft 2 (Februar 1898)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1898-02-01
Page
92 (sequence 7)
Language
German
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IRI
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92 3m deutschen Reich. In Bezug auf solches „geläutertes Nationalgefühl" sieht eS besonders traurig in dem österreichischen Nachbarstaate aus, seit der Antisemitismus die politischen Verhältniffe in Verwirrung gebracht, die christlichen Deutschen in kleine Fraktionen zersplitterte, die Regierung gezwungen hat, bei der nichtdeutschen Bevölkerung eine Stütze zu suchen und die Juden, welche besonders in Böhmen und Mähren Pioniere des Deutschthums waren, in eine klägliche Position gedrängt worden sind. Wenn die Juden auch für ihre Anhänglichkeit an deutsche Sitte und Sprache geringen Dank bei der christlichen deutschen Bevölkerung Böhmens erworben haben, so haben doch die letzten Unruhen in Prag bewiesen, daß die Czechen genau so in den Juden das Deutschthum hasten, wie der bayerische Abg. Dr. Sigl in seinen jüdischen Mitbürgern das „Preußenthum" zu befehden glaubt. In den Versammlungen des kürzlich aufgelösten, lange Zeit über ganz Böhmen verbreiteten Vereins „Obrana" (Abwehr) ist es offen als Aufgabe des Vereins dargestellt worden, „Deutsche und Juden" aus ganz Böhmen, namentlich aus Prag zu vertreiben. Es gilt auch als Thatsache, daß die offenbare Organisation der Prager Exzesse von Mitgliedern der „Obrana" in's Werk gesetzt und geleitet wurde. — In den Kreisen der Wiener Antisemiten bezeichnete man anfangs den Abschluß der 60-Millionen-Anleihe mit der Deutschen Bank in Berlin als einen Sieg über die jüdische Börse oder gar als die Befreiung des österreichischen Volkes vom jüdischen Großkapital. Dieser Freudenrausch hat aber nicht lange vorgehalten, denn bald darauf interpellierten im Wiener Gemeinderath die Deutsch-Nationalen Räder und Genossen, ob die Deutsche Bank eine jüdische oder christliche sei. Der Bürgermeister Lueger antwortete, ihm sei keine Bank bekannt, welche getauft worden sei; die Interpellanten möchten zuerst eine judenreine Welt schaffen. Daß bei der Deutschen Bank Juden seien, sei sehr wahrscheinlich; er habe aber den Direktor Siemens nicht gebeten, seinen Tausschein vorzulegen. — Im niederösterreichischen Landtage beantragte der Abg. Kick die vollinhaltliche Vorlesung einer Petition der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union", in welcher gegen die vom Vorsitzenden ungerügt gebliebene Aeußerung des Abg. Gregorig protestiert wurde: „Es ist eine Gefahr für Christenmädchen, in die Judenhäuser zu gehen, weil die Moral dort leidet. Es ist eine Gewissenlosigkeit von den Leuten, ihre Kinder in Judenhäuser zu geben." Der Vorstand der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" wies in der Petition namens der jüdischen Bevölkerung Wiens diesen, in öffentlicher Landtagssitzung ausgesprochenen verleumderischen Vorwurf, welchem jede thatsächliche Begründung mangelt, mit Entrüstung zurück. Die öffentliche Vor-

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