Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1898)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1898-02-01
- Page
- 87 (sequence 2)
- Language
- German
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Umschau. 87 des Begriffs „national" verbreitet. Der geistvolle Redner führte dabei aus: „Seitdem Deutschland geeinigt ist, leben wir, gleichsam mit erweitertem Horizont und mit gestärktem Selbstvertrauen,. ein frischeres, bedeutenderes Leben. Ein solches Leben läßt sich erhalten durch unablässige, strenge Arbeit an nationalen Aufgaben; aber es wird gefährdet durch den nationalen Dünkel, der sich neben jedem Erfolge entwickelt und durch tönende Phrasen über nationale Tugenden, nationale Leistungen und Verdienste genährt wird. Das Wort „national" sollte genau betrachtet werden, ehe man es anwendet. Es ist harmlos, wenn man es nur auf die Gesammtheit des Volkes an sich bezieht, z. B. „nationaler Reichthum" im Sinne von: „der Gesammtreichthum des Volkes". Es wird dagegen bedenklich, wenn man von Nationaltugenden und -Lastern redet; denn es giebt weder Tugenden noch Laster, die einer Nation ausschließlich angehören. Genau genommen heißt „national": dem Wesen eines Volkes entsprechend; und da wir diese Bedeutung unwillkürlich in die anderen Anwendungen hineintragen, kommen Mißverständniffe und oft verderbliche Redensarten zu Stande. So giebt es auch keine nationalen Wissenschaften und nationalen Künste, * wie an dem Beispiele der deutschen Kunst leicht nachzuweisen ist. Ihre Werke können Zugehörigkeit zu deutschen Schulen durch allerlei Stilmerkmale verrathen; aber daß sie ihrem Wesen nach deutsch seien, wird selten, und warum sie unter Umständen deutsch erscheinen, wird nie zu sagen sein. Der Begriff „national" läßt sich für ein bestimmtes Volk ebenso wenig definieren wie der Kern einer einzelnen Individualität. Wir ahnen nur den Geist unserer Nation; uns umgiebt über ihn wie über uns selbst ein gewisies Geheimniß. Aber wir glauben an ihn, und um so eifriger sind wir bestrebt, unsere Kräfte und Gaben in seinem Dienste anzuwenden. Wir erweisen uns als vollgiltige Deuts che, wenn es uns gelingt, im deutschen Gei st e zu schaffe n". Dieses schöne Wort des christlichen Deutschen, vonOettingen muffen wir beherzigen, wenn wir uns als wahre deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens erweisen wollen. Wir dürfen uns nicht mit dem Bewußtsein begnügen, daß bereits früher treffliche Glaubensgenossen sich in diesem Sinne als vollgiltige Deutsche erwiesen haben, sondern jeder Einzelne hat fort und fort nach dem Ziele zu streben, im deutschen Geiste zu schaffen, sich als ein nützlicher Theil des großen Ganzen zu erweisen, und dadurch zu beweisen, wie verblendet 7*