Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1898-02-01 · Heft 2 (Februar 1898) · p. 71

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
4 (1898)
Issue
Heft 2 (Februar 1898)
Article
Der Antisemitismus in Frankreich
Date
1898-02-01
Page
71 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2316602-2316637-2316640-2321919--03611-2321992
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Der Antisemitismus in Frankreich. 71 Juden macht man eine Ausnahme, nur ihnen gegenüber wendet man den Grundsatz der Gesammthastung kritiklos an. Bekanntlich ist die Zahl der französischen Juden äußerst gering, abgesehen von Paris und den übrigen großen Städten des Landes kann man die Plätze, in welchen jüdische Gemeinden sind, mit Leichtigkeit zählen, namentlich im Süden verschwinden dieselben vollständig. Trotzdem finden wir, daß gerade im Süden ein fanatischer Haß gegen die Juden vorhanden ist, ein Haß, der sich mit der tiefsten Verachtung paart. Das ist nicht erst seit der Zeit zu beobachten, in welcher Drumont in der Libre Parole fein infernalisches Werk begann, sondern schon früher konnte man diese Wahrnehmung machen. Zola hat hierauf schon zu einer Zeit hingewiesen, in welcher er gewiß nicht an die Möglichkeit dachte, daß der Tag kommen werde, an dem er gegen die Mehrheit der Franzosen zu Gunsten eines verurtheilten Juden furchtlos in die Schranken treten werde. In dem Börsenroman „L'argent" schildert er bei der Charakterisierung Saccards mit seiner bekannten Fähigkeit den elementaren Haß, welchen der Südfranzose dem Juden entgegenbringt, ohne daß er ihn überhaupt nur kennt. Die Verhältnisse in Südfrankreich bieten insoweit eine große Aehnlichkeit mit denjenigen Sachsens; der Antisemitismus ist am meisten da ausgebreitet, wo man die Juden nicht kennt, wo man keine Gelegenheit hat, sie zu beobachten, und wo man sich deshalb von ihnen ein Bild nach jenem Zerrbild macht, das in den antisemitischen Pamphleten gebräuchlich ist. Ein wesentlicher Unterschied besteht zwischen der antisemitischen Bewegung in Frankreich und der in Deutschland darin, daß jenseits der Vogesen die klerikale Partei es ist, welche sich derselben besonders angenommen hat und annimmt, während die ultramontane Partei in Deutschland sich im Allgemeinen von der Hetze fernhält. Die französischen Antisemiten begnügen sich aber nicht mit der Judenhetze, sie treiben daneben und in Verbindung mit dieser auch die Protestantenhetze, letztere allerdings noch nicht so offen und unverblümt wie erstere, aber doch schon deutlich genug. Nicht nur über die Herrschaft der Juden über die dritte Republik wird geklagt, sondern auch über den viel zu großen Einfluß der Protestanten; hat man es doch schon so weit in dem Lande gebracht, in dem vor mehr denn hundert Jahren die Menschenrechte

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.