Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1898)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 66 (sequence 2)
- Language
- German
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66 3rtt deutschen Reich. Händler einen harten Kampf ums Dasein zu kämpfen hat. Unter diesen Viehhändlern macht sich, veranlaßt durch die schwierige Geschäftslage das Bestreben geltend, die Söhne andere Berufe erlernen zu lassen. Zumeist wenden sich die jungen Leute dem Handwerk zu; namentlich werden Bäckerei und Metzgerei von ihnen bevorzugt. Wenn den Juden vorgeworfen wird, daß sie schwere körperliche Arbeit scheuen, so ist zu bemerken, daß doch gerade das Bäckerhandwerk durch die Nachtarbeit eines der schwersten ist. Auch dem kaufmännischen Berufe wenden sich manche dieser jungen Leute mit Vorliebe zu und sie würden auch noch andere Berufe ergreifen, wenn der Antisemitismus nicht manchen Beruf ihnen unmöglich machen würde. Die Viehhändler würden sich gern der Landwirthschaft widmen, wenn sie deren Unrentabilität nicht aus eigener Anschauung kennen würden. Viele dieser kleinen Viehhändler haben bereits neben ihrem Viehhandel landwirthschaftliche Betriebe, um die für ihr Vieh nöthigen Futter- und Streumittel in eigener Wirthschaft zu erzeugen. Die meisten dieser Viehhändler betrachten aber ihre Landwirthschaft nur als ein unentbehrliches Uebel, und häusig genug kann man von ihnen den Ausspruch hören, daß die in eigener Wirthschaft erzeugten Futter- und Streumittel sich theurer stellen als die gekauften. Die Angst vor körperlichen Anstrengungen ist es sicher nicht, welche die süddeutschen Juden vor der Landwirthschaft zurückschrecken läßt, sondern nur das Unlohnende derselben. Ich bin fest überzeugt, daß sich, was Fleiß und Arbeitsamkeit betrifft, der Jude mit jedem Anderen messen kann. Den Juden wurde es Jahrhunderte lang unmöglich gemacht, Landwirthschaft zu betreiben; sie wurden mit Gewalt dem Handel zugedrängt. Jetzt sollen sie den Gewerben, in denen sie eine gewiffe Fertigkeit erlangt haben und die im Allgemeinen besser rentieren als die Landwirthschaft, Valet sagen, um sich einem im Niedergang begriffenen Beruf zuzuwenden. Die Landwirthe selbst suchen, und zwar aus ganz triftigen Gründen, ihre Kinder dem eigenen Beruf zu entziehen. Die Juden werden sich deshalb hüten, nur um antisemitischen Vorwürfen die Spitze abzubrechen, den landwirthschaftlichen Beruf zu ergreifen. In Baden giebt sich die israelitische Oberkirchenbehörde schon Jahre lang Mühe, die minderbemittelte jüdische Bevölkerung für den landwirthschaftlichen Beruf zu gewinnen, aber einen Erfolg ihrer Bemühungen hatte sie bis jetzt nicht und wird sie auch nicht haben. Eine andere Seite der Landwirthschaft ist der landwirthschaftliche Großbetrieb. Dabei wäre den mäßig bemittelten jüdischen jungen Leuten Gelegenheit geboten, sich eine landwirthschaftliche gründliche Bildung anzueignen, um als Gutsverwalter, Guts-