Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1898)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 65 (sequence 1)
- Language
- German
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65 Eingesandt. In der Nummer 30 Ihrer Zeitschrift ist ein von Herrn Gustav Tuch, Hamburg, verfaßter Artikel über „innereKolonisation" enthalten, den ich nicht ohne Widerspruch hinnehmen kann. Ich denke, daß die Darlegung entgegengesetzter Ansichten nur willkommen sein kann, denn eine die Allgemeinheit so sehr interessierende Frage kann nur dann sich zur Klarheit durchringen, wenn dieselbe nach allen Seilen geprüft wird. Der Verfasser jenes Artikels begeistert sich dafür, daß sich die Juden dem landwirthschaftlichen Berufe mehr zuwenden sollen; ich aber kann von unseren süddeutschen Verhältnissen aus dieser Ansicht nicht beipflichten. Bei uns in Süddeutschland besteht die überwiegende Mehrzahl der Landwirthe aus Mittel- und Kleinbauern,, und gerade diese Landwirthe kämpfen gegenwärtig einen schweren Kampf ums Dasein. Nicht bei jenen Großgrundbesitzern Ostelbiens, die ganz Deutschland mit ihren Nothschreien erfüllen, ist die wirkliche Noth anzutreffen, sondern bei den kleinen Äcrndwirthen Süd- und Mitteldeutschlands. Die Jahrgänge sind schlecht, der Besitz wird durch Erbtheilung und sonstige Ursachen immer zwerghafter, die Schulden auf Hypotheken- oder Personalkredit wachsen dagegen in grauenerregender Weise. So ist unser Kleinbauernthum auf einem Punkt des wirthschaftlichen Niedergangs angelangt, daß, wenn seine bewunderungswürdige Anspruchslosigkeit und Zähigkeit nicht wäre, es sich jetzt schon in einer schweren wirthschaftlichen Krise befinden würde. In Gegenden, in welchen sich industrielle Unternehmungen befinden, wird der Niedergang des Kleinbauernstandes noch dadurch aufgehalten, daß die landwirthschaftliche Bevölkerung ihre überschüssigen Arbeitskräfte der Industrie zuwendet und ^aß durch industrielle Arbeit Verdienst ins Haus gebracht wird. Jeder Kenner unserer ländlichen Verhältnisse wird uns beipflichten. Es ist nun eine starke Zumuthung, daß sich dieJuden —und es wird sich doch wohl um die weniger Bemittelten oder um ganz Unbemittelte handeln —, einem Stande widmen sollen, dessen Untergang zu befürchten ist. Ein bedeutender Prozentsatz der Juden in den süddeutschen Landstädtchen und Dörfern beschäftigt sich mit dem Viehhandel. Gerade dieses Geschäft hat aber in den letzten Jahren theils durch antisemitische Bestrebungen, theils durch die sich immer wieder ausbreitende Maul- und Klauenseuche sehr gelitten, so daß jetzt schon ein großer Theil dieser Vieh- 5