Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1898)
- Article
- Umschau
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 36 (sequence 8)
- Language
- German
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86 Im deutschen Reich. S o hat der D)iener Bürgermeister früher nicht gesprochen; er ist ziemlich spät zu einer Erkenntniß gelangt, von welcher der czechische Bürgermeister Prags noch jetzt fern zu sein scheint. Auch ihm dürfte diese Erkenntniß zu dämmern beginnen, wenn er in der Lage sein wird, den volkswirthschaftlichen Schaden zu übersehen, den fanatisierte Pöbelmassen durch die letzten Exzesse nicht nur den jüdischen Geschäftsleuten, sondern der gesammten Industrie Prags zugesügt haben. Aus der Thatsache, daß bei den gedachten Ausschreitungen nicht nur die deutschgesinnten Juden, sondern auch die sich zur jungczechischen Partei haltenden Juden geplündert wurden, wird zweifellos die jüdische Bevölkerung Prags eine heilsame Lehre ziehen. Am 3. Januar empfing der österreichische Ministerpräsident Dr. Gautsch Deputationen des Prager „Deutschen Vereins" und der dortigen israelitischen Kultusgemeinde, welche von der Regierung Unterstützung der durch die Ausschreitungen beschädigten und Schutz gegen weitere Ausschreitungen erbaten. Der Minister versprach, über die Angelegenheit eingehende Erhebungen anstellen zu lassen. Auf ein ähnliches Gesuch des jüdischen Landtagsabgeordneten Schoch erwiederte der Statthalter von Böhmen, die Regierung lehne die E n t s ch ä d i g u n g s p f l i ch t ab, sei jedoch bereit, den Bedürftigsten ähnlich wie bei Elementarereignissen unverzinsliche Staatsvorschüsse zu gewähren. Die neuesten böhmischen Pöbelexzesse haben jedenfalls d.argethan, daß ein Theil des czechischen Volkes den Judenhaß wie den Deutschenhaß mit Vorliebe als Vorwand sür sein Plunder ungsbedürfniß gebraucht und darin von einem Theil der politischen „Intelligenz" bis zu einem gewissen Grade unterstützt wird. Deshalb wird aber auch nicht nur die jüdische Bevölkerung, sondern das gesammte ehemals „goldene Prag" noch lange durch schwere wirthschaftliche Schäden die Folgen der Massenverhetzung zu büßen haben. Aehnliches dürfte auch in Rumänien der Fall, sein, da die meisten europäischen Industriellen, welche bisher mit Bukarest in regen geschäftlichen Beziehungen standen, auf lange Zeit hinaus die Lust vergangen sein wird, solche Beziehungen mit Geschäftsleuten fortzusetzen, deren Zahlungsfähigkeit beständig durch Pöbelkrawalle in Frage gestellt werden kann. Der schlimme Mangel an Arbeitsgelegenheit, der sich schon vorher in Rumänien sehr fühlbar machte, ist außerdem noch durch die letzten Unruhen zum größten Nachtheil der dortigen arbeitenden Bevölkerung wesentlich gesteigert worden. Ob das Ministerium und die Parlamentsmehrheit in Rumänien dadurch zu einem Gesinnungswechsel veranlaßt werden, .steht noch dahin. Der jlönig von Rumänien, welcher am 12. Dezember dem Rabbiner Dr. Bäck und dem Präsidenten der Bukarester