Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1898)
- Article
- Umschau
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 33 (sequence 5)
- Language
- German
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Umschau. 33 zu Grunde geht, sondern sich von Ort zu Ort fortpflanzt, weil er unter der großen Zahl unzufriedener und unklarer Menschen stets neue Rekruten findet. Während die antisemitische Bewegung, welche früher von Berlin ausging, hier keinen rechten Nährboden mehr zu haben scheint, findet sie an vielen anderen Orten offenbar neue wohlvorbereitete Stellen und zündet wie ein Funken, der auf trockenes Brennmaterial fällt, am gefährlichsten aber dort, wo man sich, trügerischer Sicherheit hingebend, kein solches Aufflammen für möglich hält und Vorbeugungsmaßregeln verabsäumt. Dazu kommt, daß in vielen Kreisen Deutschlands noch eine wahre Scheu davor herrscht, von der Neichshauptstadt aus „einen breiten und tiefen Strom geistiger Bildung hinaussluten zu lassen in die deutschen Lande". Um ihren Anhängern einen Beweis ihrer Rührigkeit zu geben, haben die der deutsch-sozialen Reformparrei angehörenden Reichstags- Mitglieder, dem Reichstage neue Anträge unterbreitet, zu deren Einbringung ihnen die nicht zu ihrer Fraktion gehörenden Abgeordneten von Dallwitz, Hilpert und Hüpeden ihre hülfreichen Hände boten. Daß der erste Antrag, welcher darauf abzielt, das allgemeine Wahlrecht zu einer Reichstagswahl Pflicht zu erweitern, der Reform- Partei im Falle der Annahme besondere Dortheile bringen würde, ist kaum anzunehmen. Der zweite Antrag, den Entwurf eines Gesetzes über das Betäuben der Schlächtthiere betreffend, bezweckt offenbar, das Schächten unmöglich zu machen. Ein dritter Antrag, die staatliche Prüfung der Versicherungsgesellschaften betreffend, richtet sich gegen die angeblich auf dem Gebiete der Privatversicherungen hervorgetretenen Mißbräuche. Der -letzte Antrag ist der bekannte Entwurf eines Gesetzes, betreffend die Einwanderung ausländischer Juden. Er wird hoffentlich im Reichstage ebenso wenig Beifall finden wie bisher und ist wohl nur eingebracht, um die Konservativen zu zwingen, ihre Stellung zur Judensrage zu präzisieren. Liebermann und seine Genossen wollen nach Ablehnung des Antrages die Möglichkeit erhalten, sich ihren Gesinnungsgenossen gegenüber darauf zu berufen, daß nicht die Konservativen, sondern nur die deutsch-socialen Reformer alles Mögliche gethan haben, um die Juden aus Deutschland fern zu. halten. Daß Anträge, welche von Liebermann von Sonnenberg ausgehen, die Unterstützung des im Reichstage so einflußreichen Eentrums finden sollten, ist wenig, wahrscheinlich. Die katholische „Köln. Volks - Zeitung^ hat erst am 27. Dezember daran erinnert, daß Liebermann zwar Ende 1896 die im „Israelit" aufgestellte Behauptung, „e r hätte s. Z. zu den w ü t h e n d st e n und w i l d e st e n K u l tu r k ä m p f er n ge-. 3