Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1898)
- Article
- Umschau
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 32 (sequence 4)
- Language
- German
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32 3m deutschen Reich. Eine Klärung der Situation wird von dem konservativen Parteitag erwartet, welcher am 30. Januar in Dresden stattfinden sollte, aber bis zum 2. Februar verschoben worden ist. Nach den „Hamburger Nachrichten" laufen zunächst noch im Lager der Konservativen im Punkte der Stellungnahme zu den Antisemiten verschiedene Strömungen durcheinander. Die Wahrnehmung von den zwei verschiedenen Tonarten der konservativen Presse hat auch Liebermann von Sonnenberg gemacht. In seinen „Deutsch-sozialen Blättern" sagt er: „Die eine Tonart wird von der „Kreuz-Zeitung" und den Blättern ihres Einslußkreises angestimmt, und wir möchten sie als die „pr e u ß i schantisemitische" bezeichnen. Für die andere führen die „Schlesische Zeitung", die „Dresdner Nachrichten" und die „Leipziger Zeitung" das Wort. Dahinter stehen der halbjüdische Graf L i m b u r g - S t i r u m und der Dresdner Hofrath Mehnert. Man kann danach die zweite Tonart als die „sächsischjüdische" bezeichnen- Die Anhänger der erstgenannten haben durch den Mund des Herrn Professors Kropatscheck und in verschiedenen „Kreuz-Zeitungs"-Artikeln die Parole ausgegeben: „Gegen Juden und Revolution!" Man möchte damit den Antisemiten bei den nächsten Wahlen den Wind aus den Segeln nehmen. Die sächsisch-jüdischen Konservativen aber wollen mit dem Antisemitismus „reinen Tisch" machen und ihn dahin verweisen, wohin er nach Ansicht der „Schlesischen Zeitung" gehört, zu den Sozialdemokraten. In diesem Plane kommt bei Herrn Mehnert die durch seine 1893 erlittene Wahlniederlage unheilbar verletzte Eitelkeit zum Ausdruck und bei de*" Grafen Limburg die Stimme des Blutes. Es ist sehr begreiflich, duß der letztgenannte Herr alles daran setzen muß, den Antisemitismus aus der konservativen Partei zu verbannen, denn andernfalls wäre die Fortdauer seiner Führerschaft, gelinde ausgedrückt, eine Geschmacklosigkeit." Daß im Lager Liebermanns von Sonnenberg der bekannte, judenfeindliche Führer . der Mehrheit im sächsischen Landtage, Hosrath Mehnert, welcher dieser Tage ganz allein in der sächsischen Zweiten Kammer für die Uebersetzung des Schulchan Aruch eintrat, als „sächsischjüdisch" gilt, könnte man als eine Ironie des Schicksals bezeichnen. Da jede Umsturzrichtung von einer noch heftigeren Strömung überholt zu werden pflegt, ist vielleicht die Zeit nicht mehr fern, in welcher der Reformparteiführer mit dem thatsächlich jüdisch anklingenden Namen Liebermann selbst als „deutsch-sozial-jüdisch" verdächtigt wird. Das Schlimme dabei ist nur, daß der Antisemitismus, der wie Saturn seine eigenen Kinder verschlingt, an dieser schwer verdaulichen Speise nicht