Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1898)
- Article
- Umschau
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 31 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2316602-2316637-2316639-2321745--03504-2321852- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Umschau. 81 zu übernehmen, als undurchführbar und bemerkte dabei: Das deutsche Reich sei weder evangelisch noch katholisch, sondern deutsch-national, die deutsche Reichsverfasfung erwähne des Wortes Kirche oder Konfession garnicht. Das deutsche Reich sei verfassungsmäßig für solche Aufgaben garnicht zuständig; dasselbe würde dann ebenso verpflichtet sein, in Dar-es-Sa!aam eine katholische Kirche oder gar eine Synagoge zu erbauen. Ohne die Unterstützung der einflußreichen Kreise, durch welche sie lange Zeit hindurch in der deutschen ReichshaupLstadt zahlreiche Anhänger fand, ist die antisemitische „Berliner Bewegung" mehr und mehr zurückgegangen. Die „Staatsbürger - Ztg." hat dies selbst zugegeben und dabei bemerkt: „Die Vertreter der Bürgerpartei im Rothen Hause sind zusammengeschmolzen bis auf einen, der bei den jüngsten Wahlen sein Mandat in der Stichwahl vertheidigen mußte; dagegen ist es nicht gelungen, einen weiteren Vertreter durchzubringen, wozu überhaupt auch nur -ein einziger ernsthafter Versuch gemacht wurde, der aber an der Interesselosigkeit und unbegreiflichen Verwirrung der Wählerschaft scheiterte, von der ein Theil der auf dem Boden der Bürgerpartei stehenden Wühler sogar offen für den Kandidaten des Judenliberalismus eintrat." Als den Grund dieser Erscheinung bezeichnete das Blatt den „konservativen Gouvernementalismus, der immer breiteren Einfluß zu gewinnen gesucht habe." Ferner behauptete es, „die Erfahrung gemacht zu haben, daß die Berliner Bewegung heute nicht mehr beliebt in gewissen Hofkreisen sei, sondern daß man dort mit dem jüdischen Freisinn unter Umständen ganz gern Hand in Hand wandele." Daß damit offenbar nur die für die Antisemiten unerfreuliche Thatsache bemäntelt werden soll, wie sich die unabhängige Bürgerschaft Berlins von dem antisemitischen Treiben mehr und mehr abgestoßen fühlt, beweist folgende Correspondenz der „Volks-Ztg.": „Es ist nicht überflüssig zu untersuchen, wem der Stadtverordnete Pretzel die Fortdauer seines Mandates verdankt. Bei der Stichwahl, in der schließlich auch der antisemitische Candidat Pretzel mit 1113 gegen 1109 Stimmen siegte, haben nicht weniger als 318 Beamte des Marstalls, des Hofmarschallamtes und des Fiskus gestimmt. Unter diesen Umständen kann es der liberalen Partei und ihren Wahlleitern nur zur Anerkennung gereichen, daß sie noch durch eine außerordentliche ThätigkeiL eine Stimmenzahl zu erreichen wußten, hinter der Herr Pretzel um mehr als 300 Stimmen zurückgeblieben wäre, wenn nicht die Beamten sich verpflichtet geglaubt hätten, für ihn einzutreten." Seit jener Wahl dürfte auch unter den Wählern Pretzels die Stimmung sich wesentlich verändert haben.