Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 4 (1898)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1898)
- Article
- Fürst Bismarck und der Antisemitismus
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 16 (sequence 2)
- Language
- German
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16 Im deutschen Reich. schärfen; denn dann würde sich diejenige jüdische Intelligenz, der sich die staatliche Karriere verschlösse, auch noch auf diejenigen Gebiete werfen, auf denen das Uebergewicht der Juden von den Antisemiten schon jetzt als unerträglich bezeichnet werde, nämlich auf die geschäftlichen. Der Fürst führte dann aus, daß seiner Ansicht nach die Judenbewegung in der Hauptsache weniger religiösen und auch nicht so sehr Rasseninstinkten entspränge, sondern doch mehr wirthschaftlichen Gründen. Er bezeichnete es als Thatsache, daß die Juden im Gelderwerb anderen Elementen der Bevölkerung vielfach überlegen seien. Die Ueberlegenheit beruhte auf Eigenschaften, die durch staatliche Mittel nicht zu beseitigen seien. Die Juden wären in Folge natürlicher Veranlagung in Geldsachen meist klüger und geschickter als die Christen. Auch wären sie, wenigstens so lange sie noch nicht zu Vermögen gelangt seien, wenn auch vielleicht nicht arbeitsamer, so doch genügsamer und sparsamer als ihre christlichen Mitbewerber. Dazu komme, daß der Jude, um einen geschäftlichen Vortheil zu erlangen, leichter einmal etwas riskiere und in der Anwendung seiner Mittel zum Zwecke mitunter auch wohl etwas weitherziger verfahre als sein christlicher Konkurrent. Das Alles gäbe ihm geschäftlich einen Vorsprung. Auch die Antisemiten hätten nichts vorzuschlagen gewußt, was diesen Vorsprung und dessen Wirkung auf das wirthschaftliche Leben paralysierte. Es sei durchaus widerräthlich, dem jüdischen Triebe nach Erwerb und Vermögensbildung von staatlicher Seite Hindernisse in den Weg zu legen, denn dadurch würden die übrigen Bevölkerungselemente ebenso betroffen, und der Nationalwohlstand würde zurückgehen. Man brauche sich die Juden deshalb nicht über den Kopf wachsen zu lassen oder sich finanziell von ihnen in einem Maße abhängig zu machen, wie dies in manchen Staaten der Fall sei. Bei seinen eigenen Beziehungen zur Haute finance als Minister sei immer diese, niemals er der verpflichtete Theil gewesen. Nach einer Abschweifung auf ein anderes, mit der Judenfrage im Zusammenhänge stehendes Gebiet resümierte sich der Fürst in etwa folgender Weise: Er halte die Juden für nützliche Mitglieder des heutigen Staates und finde es unklug, sie zu beunruhigen. Namentlich der reiche Jude pflege ein sicherer Steuerzahler und guter Unter-