Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1897)
- Article
- Vereinsnachrichten
- Date
- 1897-12-01
- Page
- 643 (sequence 3)
- Language
- German
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vereinsnachrichten. 643 Nach längerer Pause veranstalteten am 3. Dezember d. I. die in Berlin 6. wohnhaftenMitglieder desCentral- Vereins eine Versammlung, welche so gut besucht war, daß der blaue Saal des Alexanderplatz-Hotels dicht gefüllt erschien. Zunächst kheilte Herr Dr. med, O. Wiesenthal mit, daß Herr Rechtsanwalt Hugo Sonnenfeld das von ihm in dankenswerthester Weise geführte Amt eines Vorsitzenden wegen zahlreicher anderer Arbeiten niedergelegt habe, daß die Herren Rechtsanwälte Rudolph. Hahn und vr. Max Lewinsohn kooptiert worden seien und ersterem der Vorsitz übertragen worden sei. Nachdem Herr Rechtsanwalt Rudolf Hahn mit Dankesworten die Leitung der Versammlung übernommen hatte, erhielt Herr Rabbiner Dy. Paul Rieger uns Potsdam das Wort zu seinem Vortrage: „Deutsche Sitte und Sprache bei den Juden im Mittelalter." Redner bestritt die Berechtigung des Rassenstandpunktes in der sogenannten Judenfrage, indem er auf die frühzeitige Verschmelzung zwischen Germanen und Juden hinwies, welche die aus Palästina nach Süddeutschland heimgekehrten Legionen herbeiführten. Schon zu den Zeiten des Augustus habe eine jüdische Gemeinde in Cöln bestanden und wenige Jahrhunderte später ein getaufter Jude, wie die Inschrift auf dem Schreine des heiligen Simeon in der Metzer Kathedrale beweise, zu den höchsten kirchlichen Ehren gelangen können. Das Zusammenleben sei in Deutschland besonders im 8. und 9. Jahrhundert ein so freundschaftliches gewesen, daß aus Italien kommende Kirchenfürsten dagegen eiferten und daß sogar Uebertritte von Kaplänen zum Judenthum zu verzeichnen waren. In jener Zeit gewannen die Juden nicht nur deutsche Sitte und Sprache lieb, sondern pflegten sie so sorglich, daß jüdische Scholaren dieselbe auch nach Italien und Spanien verpflanzten. Wie aus den vorhandenen mittelalterlichen Fastnachtsspielen hervorgeht, kannten die damaligen Juden keinen Jargon, sondern sprachen ein reines Mittelhochdeutsch. ^Erst im 16. Jahrhundert kam durch aus Polen zurückgekehrte Abkömmlinge der in der schweren Zeit von 1343—49 aus Deutschland ostwärts Geflüchteten das sogenannte „Judendeutsch" auf. Die deutschen Juden, welche weit weniger Analphabeten unter sich hatten als ihre christlichen Zeitgenossen, wurden durch zahlreiche deutsche Niederschriften in hebräischen Lettern die treuen Bewahrer deutscher Sprachdenkmale (Schmied Wieland, Tristap, und Isolde, Till Eulenspiegel u. A. m.). Meister Collin aus Straßburg bekundete, daß der Jude Samson Pine aus Peine wesentlichen Antheil an der Parcival-Uebersetzung hatte; die Jüdin Litte aus Regensburg verfaßte