Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1897)
- Article
- Umschau
- Date
- 1897-12-01
- Page
- 627 (sequence 7)
- Language
- German
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Umschau. 627 Prags und anderer böhmischer Städte Plünderungen und blutige Mißhandlungen zu erdulden, weil sie offen ihre deutsche Gesinnung bekannten. Mit Recht schrieb das „Berliner Tageblatt": „Es bedarf nicht erst des Hinweises, daß die deutschen Juden in Böhmen, wenn sie sich nicht eben treu und zuverlässig zum Deutschthum bekannt und wenn sie seit Jahren nicht allen Verlockungen des Czechenthums siegreich widerstanden hätten, in keiner Weise vom czechischen Pöbel belästigt worden wären. Die Juden in Prag fühlen sich eben als Deutsche und theilen Glück und Unglück mit ihren deutschen Landsleuten." Ebenso treffend war aber auch folgende Bemerkung der „Volks-Ztg.": „Alle diese Mittheilungen zeigen, was für ein „Kultur"-Element der Antisemitismus ist, der den raublustigen Czechen eine so angenehme Beschäftigung zu sein scheint wie ihr Deutschenhaß. Unsere deutschen Antisemiten, die jetzt mit ansehen müssen, wie neben den ihnen verhaßten Juden, welchen sie gewiß alle Verfolgungen gönnen, auch die Arier herhalten müssen, werden von den czechischen Thaten daher mit einem heiteren, einem nassen Auge Kenntniß nehmen." Es wiederholte sich dabei in Prag die alte Erfahrung, daß der Jude, gleichviel zu welcher Partei er sich schlägt, es niemals recht macht, daß aber auch Judenhetzen stets das sicherste Zeichen eines bevorstehenden politischen Verfalls sind. Darüber werden sich auch die jetzigen Machthaber im Wiener Rathhause nicht täuschen, daß die Tage ihrer Herrschaft gezählt sind, wenn auch die Ratten noch zur rechten Zeit das sinkende Schiff verlassen haben. Daß vor einigen Wochen Tausende von Wiener Studenten den antisemitischen Bürgermeister Wiens als „Volksverräther" in Verruf erklärten, daß man in Graz seine Büste an den Laternenpfahl hängte, daß ihn das „Grazer Tageblatt" als Denunzianten hinstellte, daß er die Wiener Gasanleihe nur auf dem Wege einer sogenannten „Niederösterreichischen Landesanleihe" zu beschaffen vermochte — alles dies zeigte deutlich, daß es mit der Popularität Carl Luegers rasch zu Ende geht. Die Steine, welche nach den Scheiben der Synagogen und den Judenhäusern in Böhmen geworfen wurden, haben nicht nur die Juden verletzt. Diejenigen, welche die Massen zu solchen Thaten aufwiegelten, vergaßen, daß sie selbst im Glashause sitzen. Ein im fröhlichen Aufschwung begriffener Staat ist stets in Glaubenssachen duldsam, während ein Volk, welches alle Anzeichen des politischen und wirtschaftlichen Niederganges spürt, gewöhnlich eine wehrlose Minorität für die eigenen Fehler büßen läßt. Die deutschen Antisemiten, welche der österreichischen Reichshauptstadt unter der Ver-