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Im deutschen Reich · 1897-12-01 · Heft 12 (Dezember 1897) · p. 626

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
3 (1897)
Issue
Heft 12 (Dezember 1897)
Article
Umschau
Date
1897-12-01
Page
626 (sequence 6)
Language
German
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m Am deutschen Reich. sammlungen abgehalten und Alles vorher wohl geordnet, die Deutschen aber sich in dem Gefühl der Aussichtslosigkeit dazu wieder Zeit gekästen hatten. Wo die deutschen Kandidaten sich offen zu der antisemitischen Partei bekannt haben, war es den Juden selbstverständlich unmöglich, für dieselben zu werben und zu stimmen. Zogen davon an irgend einem Platze die Polen Nutzen, so war dies sicher nicht die Folge einer vorherigen Abmachung, sondern nur die natürliche- Folge der traurigen antisemitischen Bewegung, welche seit Jahren dasöffentliche Leben verwirrt und schädigt. Wo die sogenannte Judenfrage gar nicht mitspielt, z. B. in der fast judenreinen großen sächsischen Fabrikstadt Chemnitz, ist in ganz ähnlicher Weise bei den Stadtverordneten-Wahlen der zunehmende Widerwille der Bevölkerung gegen, die antisemitischen Umtriebe in überraschendster Weise den Sozialdemokraten zu statten gekommen, die geschlossen auftraten und in Folge der gründlichen Niederlage der Antisemiten zahlreiche Sitze im. Chemnitzer Stadtverordneten-Kollegium erlangten. Es ist nicht ausgeschlosten, daß sich dieselbe Erscheinung bei der Reichslagswahl in Dresden wiederholt, wo die Konservativen nicht wieder den Führer der antisemitischen deutsch - sozialen Reformpartei, Oswald Z i m m e r m a n n zu der Vertretung der sächsischen Residenz im Reichstage verhelfen, sondern im Einverständniß mit dem Bunde der Landwirthe dieses Mandat dem Grafen Herbert Bismarck übermitteln wollen. Da trotz seiner Bismarck-Verehrung der Herausgeber der „Deutschen Wacht" zu Gunsten dieser Kandidatur nicht freiwillig zurückzutreten Neigung verspürt, dürste sich auch in Dresden der Antisemitismus als die Vorfrucht der Sozialdemokratie erweisen. Das Trauerspiel in Oesterreich lehrt, wie bedenklich es ist, die politischen Leidenschaften aufzustacheln und die leicht erregbaren Geister wach zu rufen, ohne die seltene Gewalt des Zaubermeisters zu besitzen, sie wieder zu bannen. Neben dem schwer zu besänftigenden hochpolitischen Sprachen- und Nationalitätenstreit ist zwar momentan in Oesterreich die Judenfrage in den Hintergrund getreten;, die Leiden der österreichischen Juden haben sich dadurch aber keineswegs vermindert. Wie in den dunklen Zeiten des Mittelalters gelten sie in ihrer Wehrlosigkeit wieder allen erregten Parteien als Prügelknaben, als bequeme Objekte für Unmuth und Uebermuth. In- Wien waren sie in der letzten Zeit bedrängter als je, weil sie sich nicht für die deutsche Sache opferten, während der antisemitische Bürgermeister Lueger für diese zunächst keine Hand rührte und nicht eher mit dem polnischen Ministerium Baden: brach, als bis der Sturz, desselben unvermeidlich geworden war. Dagegen hatten die Juden.

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