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Im deutschen Reich · 1897-12-01 · Heft 12 (Dezember 1897) · p. 605

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
3 (1897)
Issue
Heft 12 (Dezember 1897)
Article
Offener Brief an Herrn Professor Friedrich Paulsen
Date
1897-12-01
Page
605 (sequence 15)
Language
German
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Offener Brief an Herrn Professor Friedrich j)au!sen. ML einzelner Beobachtungen und einer „aprioristischen Betrachtung". Jeder Ethik, sollte man meinen, müsse die Logik vorausgehen. Logisch ist aber der folgende Schluß keineswegs: „Der Jude A. ist ein Dieb, folglich sind verhältnißmäßig zahlreiche Juden Diebe." Sie meinen, hochverehrter Herr Professor: der Jahrhunderte lange Druck habe Haß, die öffentliche Mißachtung habe „Schwächung der Selbstachtung und Selbstkontrole" erzeugen müssen. (II, 528.) Ja, wohl können! Aber den Juden stand ein Schutz zur Seite: ihr Klaube, ihre Lehre, ihr Schriftschatz, die ihnen verboten. Böses mit Bösem zu vergelten, die in ihnen d i e Ehre aufrecht erhielten, auf die es schließlich allein ankommt: die des reinen Gewissens, der Rechtschaffenheit, der unversiegbaren Hoffnung auf bessere Tage. Sie haben, verehrter Herr Professor, ein schweres Verdikt — nicht gegen die heutigen Juden, sondern gegen deren einstige und jetzige Gegner in jener „aprioristischen" Betrachtung ausgesprochen! Zum Ueberfluß verweisen Sie noch auf Shakespeares Shylok (II, 529). Es ist Ihnen da ergangen, wie schon manchein Professor vor Ihnen, wie z. B. Gcrvinus. Aber ein anderer, nicht minder hochangefchener Professor: Jhering, hat Shylok ganz anders aufgefaßt. Und was die Hauptsache — ea ist Ihnen entgangen, daß der blutige Handel uni Menschenfleifch sich umgekehrt zugetragen, daß nicht der Jude einem Christen, sondern ein Christ einem Juden ein Pfund Fleisch vom Leibe schneiden wollte. Im Jahre 1586 erzählte in Rom der christliche Kaufmann Paulo Maria Sechi dem Juden Simson Cencda, daß Admiral Franz Drake die Stadt San Dominico auf der Insel Hispaniola erobert habe. Ceneda bestritt es und wettete urn ein Pfund Fleisch seines Leibes, daß es nicht wahr sei, wogegen Sechi 1000 Scudi setzte. Ceneda verlor die Wette und Sechi: „bestand auf seinem Schein", er forderte ein Pfund von dem Körpertheil des Juden, „den zu nennen, die Schamhaftigkeit verbietet". Vergeblich bot der Jude 1000 Scudi, er wandte sich an den Gouverneur, dieser an Papst Sixtus V., der war der „weise Daniel", denn er entschied, Sechi solle in seiner Gegenwart ein Pfund Fleisch aus des Juden Leib schneiden, wo es ihm gefalle, schneide er aber nur ein einziges Quentlein zu viel oder zu wenig, werde er ohne Gnade gehängt. Da erklärte sich Sechi für befriedigt, Papst Sixtus aber ließ Beide in's Gefängniß

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