Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1897)
- Article
- Offener Brief an Herrn Professor Friedrich Paulsen
- Date
- 1897-12-01
- Page
- 603 (sequence 13)
- Language
- German
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Offener Brief an Herrn Professor Friedrich paulfen. 603 nichts zu thun. Es giebt unter Ehegatten deffelben Bekenntniffes Verschiedenheiten in der religiösen Auffassung, warum nicht auch in Mischehen — um der Kürze halber dies unpassende Wort zu brauch ett. Aber — heutzutage erschwert die antisemitische Strömung, vollends die in Kreisen der Gebildeten, durch Aeußerungen wie die Ihrigen, hochverehrter Herr Professor, mit dem Goldlack der Wissenschaftlichkeit, mit dem Nimbus systematischer Ethik verbreiteten, das Eingehen derartiger Ehen mehr als je. Die gesellschaftlichen Kreise üben Juden gegenüber ein Aussperrsystem, die gegenseitige Bekanntschaft wird erschwert, und wo ein Paar sich gefunden, da treten abmahnend und abwinkend offen oder verblümt mehr oder minder zärtliche Verwandte und gute Freunde mit antisemitischen Allüren dazwischen. Sie stellen das Entweder-Oder auf: „Ganz Juden bleiben, oder ganz Deutsche werden" (II. S. 527). Ihre persönlichen Freunde und Bekannten scheinen Sie über das Schiefe dieser Paradoxe nicht belehrt zu haben. Aber freilich, wir müssen uns erst über die Bedeutung Ihrer Worte verständigen, hochverehrter Herr Professor. Wenn Sie unter „ganz Jude" verstehen: Stockjude, weltentfremdeter Jude, wie er vor Jahrhunderten, in dem von Ihnen, hochverehrter Herr Professor, so belobten Mittelalter durch Zwang und Drang der Fürsten, Geistlichen und Bürger im Ghetto sein leidvolles Leben fristen mußte — da mögen Sie Recht haben. Aber wo giebt es heutzutage solche Ganzjuden in Deutschland? Selbst in den orthodoxesten Kreisen nicht. Auch die guten Leute und schlechten Musikanten, die von einem neuen Zion träumen, sind keine Ganzjuden in diesem Sinne, nicht einmal Halbjuden. Hätten sie einen Funken religiösen Gemeingefühls, sie würden entsetzt von einem Vorhaben zurückweichen, das den Antisemiten Schadenfreude bereitet, das den mit Blur und Opfern aller Art bethätigten deutschen Vaterlandssinn ihrer deutschen Glaubensgenossen empfindlich verletzt. Wenn Sie aber, hochverehrter Herr Professor, meinen, ein „ganz" Deutscher könne kein ganzer Jude sein, so müssen Sie doch weiter gehen, und auch dem ganzen Christen das ganze Deutschthum absprechen, dann gerathen Sie in das weder ethische noch religiöse Dilemma, die Religion als Gegensatz zur Nation zu