Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1897)
- Article
- Offener Brief an Herrn Professor Friedrich Paulsen
- Date
- 1897-12-01
- Page
- 602 (sequence 12)
- Language
- German
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602 Im deutschen Reich. irre. Es scheint, verehrter Herr Professor, als sei Ihnen die jüdische Religionsübung eine vollständige tsrra inoognita. Sonst würden Sie dieselbe nicht als nationale bezeichnen. Die jüdische Religionsübung hat so wenig wie die christliche mit nationalen Dingen zu thun. Wie das Christenthum über die ganze Welt verbreitet ist, so das Judenthum. Selbst die hebräische Sprache, in der — nach meiner Ansicht leider — noch gebetet und die religionsschulpflichtige Jugend unterrichtet wird, macht^die Religionsübung ebensowenig zu einer nationalen, wie die lateinische Gebetsprache die Katholiken allesammt zu nationalen Römlingen, die französische vieler reformirten Gemeinden Deutschlands diese zu nationalen Franzosen stempelt. Ich bin seit Jahrzehnten nie müde geworden, meine Stimme gegen den Fortgebrauch der hebräischen Sprache als Religionsunterrichtszweig und in Gebeten zu erheben, so hoch ich deren wissenschaftlichen Werth und poetischen Reiz stelle. Ich weiß und ich hoffe, es stimmen mir darin viele Glaubensgenoffen bei. Ihre und Ihrer Gesinnungsgenossen Angriffe aber — hochverehrter Herr Professor — können nur auf jede von uns nach dieser Richtung ersehnte Reform lähmend, abschreckend wirken. Und das Connubium? Sie meinen doch wohl — obschon Sie es nicht deutlich sagen — die Ehe zwischen Juden und Christen? Vor bald drei Jahrzehnten (1869) veröffentlichte ich ein Schriftchen: „Höre Israel". Darin heißt es S. 15: „Wie im alten Rom das Connubium, die Frage der ehelichen Verbindung zwischen Patriciern und Plebejern von der entschiedensten Wichtigkeit für Lösung des durch Jahrhunderte geführten Klaffenstreits wurde: so und in noch weit höherem Grade wird die Ehe zwischen Juden und Christen für uns und alle Folgezeit den Schlußstein bilden zur endlichen Lösung des langgenährten und altverjährten Glaubens- und Raffenhaffes". Sie sehen, hochverehrter Herr Professor, daß schon vor einem Menschenalter, als der Staat noch den Juden die Ehe mit Christen verbot, von unserer Seite aus das betont wurde, was Sie als Bedingung voller Gleichstellung hinstellen. Ich meinte es freilich nicht als Bedingung, sondern als Ergebniß. Seitdem sind derartige Ehen zahlreich geschloffen worden, aber mit der Aufgebung der Religionsübung haben sie absolut