Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1897)
- Article
- Offener Brief an Herrn Professor Friedrich Paulsen
- Date
- 1897-12-01
- Page
- 601 (sequence 11)
- Language
- German
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Offener Brief an Herrn Professor Friedrich Paulsen. 601 nicht: Druck erzeugt Gegendruck. Das sabbathliche Nichtschreiben wäre, wie so manche alte, vor hundert Jahren strenggeübte Gewohnheit, längst zu dem Kapitel von den „jüdischen Alterthümern^ verwiesen, wenn nicht, ermuthigt durch Ausführungen wie die Ihrigen, manche Lehrer und manche Mitschüler durch antisemitische Nadelstiche den energischen Widerstand aus einem an sich löblichen Gefühl der Tapferkeit hervorriefen. Und die große Anzahl jüdischer Gymnasiasten? Wäre sie unverhältnißmäßig klein, man würde über Bildungslosigkeit, elterlichen Geiz klagen. Nun sie groß sein soll — die Ziffern bedürfen der Prüfung, die mit dem Freiwilligenzeugniß Abgehenden, die zum kaufmännischen Berufe Uebergehenden muffen ja abgezogen werden — gereicht sie den jüdischen Glaubensgenossen zur Unehre? Sie würde beweisen, daß Wenigbemittelte es sich schwere Opfer kosten lasten, um ihren Söhnen eine wissenschaftliche Bildung und Laufbahn zu eröffnen. Daß das nicht allenthalben praktisch, nicht immer räthlich ist, habe ich schon betont. Daß man es aber „als eine sich langsam vorbereitende Fremdherrschaft" empfinde, wenn viele Juden höhere Schulen besuchen und wissenschaftliche Berufe ergreifen (II. S. 524) das, hochverehrter Herr Professor, ist denn doch eine sehr gewagte Behauptung. Der Gegensatz, den Sie machen, zwischen „eingeborenen Nationalitäten" und jüdischen Glaubensgenossen ist ein rein willkürlicher, ein schiefer, ein gesuchter. Ich kann den Stammbaum meiner Familie auf zwei Jahrhunderte Nachweisen, in denen ihre Mitglieder in Deutschland seßhaft waren und deutsch redeten, und so wird es unzählig vielen Glaubensgenossen möglich sein. Ich erachte mich also ebenso für national eingeboren wie viele andere, die nach Ihrem System der Ethik, verehrter Herr Professor, sich als national Eingeborene mehr und besser dünken als wir. Und so ergeht es vielen Tausenden meiner Religionsgenossen. Sie fordern, hochverehrter Herr Professor (II. S. 526) „Aufgebung der nationalen Religionsübung und die erst damit hergestellte volle Möglichkeit des Connubiums, wenigstens für die Kinder, als Bedingung voller Gleichstellung." Aehnlich hat man z. B. in Sachsen vor sechs Jahrzehnten die Aufgebung des Sabbaths zur Vorbedingung einer theilweisen Gewährung bürgerlicher Rechte machen wollen, in Weimar die Taufe der Kinder, wenn ich nicht