Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1897)
- Article
- Offener Brief an Herrn Professor Friedrich Paulsen
- Date
- 1897-12-01
- Page
- 600 (sequence 10)
- Language
- German
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600 Im derrlschen Reich. Sie sind so freundlich, es keinem Inden zu verübeln, „wenn er sich mit Stolz einen Sohn der Patriarchen nennt, wenn er, auf feinen Stammbaum blickend, das Gefühl hat, dem ältesten, vornehmsten und lebenskräftigsten Volk der Erde anzugehören. Aber er gestatte nun auch anderen Völkern den bescheidenen Stolz, daß sie die Regelung ihrer nationalen und geistigen Angelegenheiten nicht dem Sohne Abrahams in die Hände legen wollen." Kurz, so urtheilen Sie: „Wollen die Juden an unseren Angelegenheiten als volle und gleichberechtigte Bürger theilnehmen, so müsien sie die Konsequenzen ziehen, und aufhören, Juden zu sein." Auch hier wieder, welch ein Schluß! Ich laste den Stolz auf die Abkunft von mehr oder minder sagenhaften Persönlichkeiten ganz beiseite. Aber warum sich das Hochgefühl, einer Glaubensgemeinschaft anzugehören, die der Welt die Kultur brachte, ihr in den zehn Geboten und sonst die Grundlagen der Ethik schuf, die trotz tausendjähriger Zurücksetzung und Befehdung sich so wunderbar erhalten hat, warum dieses Hochgefühl sich nicht mit nationaler Hingebung soll vereinigen können, das vermag ich nicht zu fasten, das kann nur der behaupten, der aus dem beschränktesten, allerdings einst vom getauften Juden Stahl behaupteten, jetzt von Ihrem Kollegen Sohm gründlich widerlegten Standpunkte des christlichen Staates steht. Daß Sie, hochverehrter Herr Professor, ihn nicht theilen, beweist die Kritik, die Sie Bd. I, S. 69 ff. an der christlichen Kirche üben. Die Unterschiede zwischen Christenthum und Kirche, die Austastungen von Christenthum sind ja auch innerhalb des Protestantismus vom strengsten Lutherthum bis zur Strauß'schen Verneinung höchst mannigfaltige. Und da soll Deutschthum und Christenthum identisch, Deutschthum und Judenthum gegensätzlich sein? Gerade wer Ethik lehrt, dem steht es zu, das im Judenthum und Christenthum gemeinsame Ethische zu betonen! In einer Fußnote (II, 528) beklagen Sie, hochverehrter Herr Professor, den unverhältnißmäßig zahlreichen. Besuch höherer Schulen durch jüdische Schüler und ihr Nichtschreiben am Sonnabend. Das Letztere ist auch nicht nach meinem Geschmack, kommt übrigens hoffentlich nur vereinzelt vor, und es wäre endlich einmal an der Zeit, mit dieser unberechtigten Sondrrforderung aufzuräumen. Aber, hochverehrter Herr Professor, vergessen Sie