Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1897)
- Article
- Offener Brief an Herrn Professor Friedrich Paulsen
- Date
- 1897-12-01
- Page
- 599 (sequence 9)
- Language
- German
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699 Offener Brief an Herrn Professor Friedrich Paulsen. sein. Maß zu halten und nicht blos das Studium als das wünschenswerthe Ziel der Jugend anzusehen. Immerhin mag hervorgehoben werden, daß der alttalmudische Satz: „Nehmt Euch der armen Kinder an, denn von ihnen geht die Lehre — die Wissenschaft — aus" noch heutzutage in jüdischen Kreisen bethätigt wird — auch ein Beitrag zur Ethik! Ein unbefangener Ethiker würde an Parlamentariern wie Riesser, Kosch und Laster, an Rechts- Anwälten wie Makower und Levy, an dem früheren badischen Finanzminister Elstätter u. A. den Beweis erbracht sehen, daß das deutsche Volk sich selbst am meisten schädigt, wenn es die Juden boykottiert. Sie fürchten, hochverehrter Herr Professor, wie der alte König Pharao: sie werden zu zahlreich (II, 524.). Sie dürfen, Ihrer Ansicht nach, nicht — „gestützt auf Besitz und dadurch ermöglichte Schulbildung mehr und mehr die leitenden Stellungen in der gesellschaftlichen, geistigen und staatlichen Welt in ihre Hände" bringen, dürfen nicht „allmählich zur herrschenden Bevölkerung werden." Sie halten das selbst für ein nie erreichbares Zukunftsbild. Und doch malen Sie es, doch schrecken Sie damit? Ist das auch Ethik? Die große Zahl jüdischer Rechtsanwälte an manchen Orten ist nur ein Beweis für die Engherzigkeit und Kurzsichtigkeit der Verwaltungen, die Staatsämter den jüdischen Glaubensgenossen hier ganz, dort bis auf Ausnahmefälle, oder bis zu einer gewissen Grenze hermetisch verschließen. Und wo bleiben denn die Nichtjuden? Giebt es unter ihnen nicht auch Reiche, nicht auch Schulbildung Erstrebende, nicht auch Befähigte? Wenn nicht „Neid und Bosheit der Antisemiten" jenes Schreckbild der Zukunft malt, so doch gewiß Engherzigkeit, Feigheit und Furcht vor Mitbewerb. Sie finden, hochverehrter Herr Professor in der Angst vor dieser Zukunftsmusik den Antisemitismus „nicht unberechtigt", sie glauben, „daß es in Deutschland nicht mehr viele Männer und Frauen giebt, die davon frei sind, mögen sie das nun Wort haben wollen oder nicht." Das mag für Viele stimmen. Aber ich habe denn doch ein besseres Zutrauen zur Gewissenhaftigkeit, Gerechtigkeit und — Ethik der Mehrzahl gebildeter deutscher Männer und Frauen.