Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1897)
- Article
- Offener Brief an Herrn Professor Friedrich Paulsen
- Date
- 1897-12-01
- Page
- 598 (sequence 8)
- Language
- German
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598 Im deutschen Reich. Rücken, schlanke Füße werden krummen Beinen vorgezogen. Aber haben solche Aeußerlichkeiten in den Augen eines Ethikers Werth und Bedeutung? Und gilt das nicht auch von den — vermeintlichen Raffenan- und Abstoßungen? Vermeintlichen! Die vielen schwarzhaarigen und mit Judengesichtern einhergehenden Urgermanen, die vielen blonden Juden widersprechen dieser macchiavellistischen Raffenunterscheidung. Und die Religionsübung? Ist die jüdische heidnisch, ist sie götzendienerisch, ist sie nicht vielmehr vielfach der christlichen, die aus ihr sich entwickelte, ähnlich? Hat sie je einen Juden an Uebung seiner bürgerlichen Pflichten gehindert? Sie folgern, hochverehrter Herr Professor: „weil es vor hundert Jahren selbstverständlich war" (nämlich selbstverständlich in den meisten christlichen Kreisen, nicht selbstverständlich in den Köpfen eines Lessing, eines Dohm und Gleichgesinnter), „daß die Juden am staatlichen Leben überhaupt nicht theilnähmen, geschweige denn in autoritativen Stellungen, so wird es heute nicht selbstverständlich sein, daß das Judenthum eines Mannes ohne jeden Einfluß auf seine Stellung im öffentlichen Leben ist." Welch ein Schluß! Weil vor hundert Jahren kein Jude in Deutschland Richter, Rechtsanwalt, Professor werden konnte — jüdische Aerzte, auch namhafte, hat es damals und schon vorher gegeben — dashalb darf heute auch — kein Jude Richter, Rechtsanwalt, Professor werden? So weit gehen Sie ja nicht, verehrter Herr Professor, aber Sie sagen: es wäre abnorm, wenn etwa die Hälfte oder drei Viertel unserer Aerzte, Lehrer, Richter, Rechtsanwälte, Regierungsräthe, Offiziere. Volksvertreter, Minister, Juden wären! Wiederum welch' ein Schluß! Aus der Schranke von vor hundert Jahren und aus der jetzigen reichen Anzahl wissenschaftlich gebildeter Juden würde ein Ethiker ohne autochthone Befangenheit auf die gute Schulung einer Glaubensgenoffenschaft schließen, der in so wenigen Geschlechtern es gelungen ist, sich so rasch in das deutsche Kulturleben einzugewöhnen, die namentlich es an Fürsorge für den talentvollen Nachwuchs armer Glaubensbrüder in hingebendster Weise sorgte; denn wohl die Mehrzahl wissenschaftlich gebildeter Juden stammt aus den Kreisen der Armuth. Dabei kann gleichwohl die Mahnung am Platz