Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1897)
- Article
- Offener Brief an Herrn Professor Friedrich Paulsen
- Date
- 1897-12-01
- Page
- 597 (sequence 7)
- Language
- German
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Offener Brief an fjerrn Professor Friedrich paulsen. 597 Herr Professor, in die Lage Ihrer jüdischen persönlichen Bekannten und Freunde mehr und tiefer eingedrungen wären, als dies oberflächliche Bekanntschaft mit sich bringt. Sie würden — wenn anders, wie ich nicht bezweifle, diese Ihre Bekannten und Freunde richtige und tüchtige Männer sind, gefunden haben, daß ihre „Substanz" die deutsche Nationalität ist. Und gleich diesen wenigen Bekannten und Freunden ist in Deutschland die überwiegende Mehrzahl der gebildeten Juden deutsch gesinnt, zuerst deutsch, dann jüdisch. Daß die Juden durch Abstammung und Nationalität von den europäischen Nationalitäten geschieden seien (U, 524), ist unwahr. Haben sie auch von Geschlecht zu Geschlecht unter einander geheirathct, in wie vielen christlichen Familien und rein protestantischen oder katholischen Dorfgemeinden, in wie vielen Fürstengeschlechtern kommt das nicht auch vor, ohne daß man deshalb deren nationale Abstammung bemängelt? Deutsche Juden giebt es in Deutschland mindestens seit den Zeiten der Völkerwanderung, vielleicht schon vorher. Es fragt sich sehr, ob die vielfach von französischem, dänischem, czechischem und anderem Blut bespülten Nichtjuden in Deutschland älter sind, als die Juden. Ich stehe an der Grenze des Greisenalters, und wenn ich zurückblicke, so weiß ich, seit ich selbstständig denken kann, mich keiner Zeit zu erinnern, in der mein Denken und mein Wollen nicht vollständig nationaldeutsch — noch lange, ehe das von gewissen Seiten gestattet war — bez. vaterländisch und auf die thätige Wirksamkeit für das Gemeinwohl ohne Glaubensunterschied gerichtet gewesen wäre, ohne daß ich je mein Judenthum verleugnet und vergessen hätte. Ich sage das nicht aus Ruhmredigkeit, denn ich kenne die Grenzen meiner bescheidenen Wirksamkeit. Aber ich will damit betonen, daß hier das Sprüchwort: „Richte Niemand ohne genaue Kenntniß", sehr am Platze ist. Denn wie ich denke, fühle und handle, so denken, fühlen und handeln viele Tausende meiner Glaubensgenossen, in diesem Geiste haben sie gleich mir ihre Kinder erzogen. Und nun dieser rassenstolze, autochthonenwüthige Ausschließungsdünkel! Die Religionsübung, die Raffenan- und Abstoßung soll im Wege stehen (II, 524). Mit dieser Raffenan- und Abstoßung ist es ein eigenes Ding. Es ist ja wahr, ein schönes Gesicht ist angenehmer und erwünschter als ein häßliches, ein gerader Wuchs wird lieber angesehen, als ein gekrümmter