Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1897)
- Article
- Offener Brief an Herrn Professor Friedrich Paulsen
- Date
- 1897-12-01
- Page
- 596 (sequence 6)
- Language
- German
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506 Im deutschen Reich. Staaten des Reichs, feine Gesetze weichen von den unseren ab, die Staatsgesetze übt es nicht, es in Frieden zu lasten, bringt nichts ein". Nicht so kurz, nicht so spitz, dunkler, gewundener lautet Ihre Anklage, hochverehrter Herr Professor. Daß man den Ausdruck „mosaische Konfession" eingeführt, meinen Sie (II, 523), solle dazu dienen, die Forderung als ganz selbstverständlich erscheinen zu lasten, daß Staat und Gesellschaft sich gegen die Thatsache verschließen sollen, daß Jemand Jude sei. Ich verstehe das nicht; auch Sie, hochverehrter Herr Professor, führen ja im Widerspruche mit jener Ansicht, auf derselben Seite Ihres Werkes dem Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens zu Gemüthe, daß er sich lieber einfach Verein Deutscher mosaischer Konfession, oder Verein jüdischer Deutscher nennen solle! Nun, seit Gabriel Riester den Muth hatte, statt der bis dahin als Schönheitspflästerchen beliebten Worte: „israelitisch, mosaisch", die alten guten, nur vielfach von Gegnern in üblem Sinne gefaßten Worte „Jude und jüdisch" wieder in die Literatur und in die Sprache der Bildung einzuführen, seitdem werden diese Benennungen bei allen denkenden, wissenden und auf sich haltenden Juden hoch und aufrecht erhalten. Aber mit dem Volksthum hat das nichts zu thun, es ist eine religiöse Bezeichnung, wenn es auch — wie unter Ihren Glaubensgenossen, hochverehrter Herr Professor, viele sich Christen nennen, ohne innerlich, ja äußerlich als Christen zu leben — ähnlich vielen Juden ergeht. Sie meinen, hochverehrter Herr Professor, bei den Juden sei das Judenthum „die Substanz", und nicht wie bei den katholischen und protestantischen Deutschen die deutsche Nationalität. Sie scheinen unter Substanz zu verstehen : das Vorwiegende, und sie wagen diesen Ausspruch, obwohl Ihnen nicht unbekannt sein kann, daß viele protestantische Deutsche ihren katholischen Landsleuten diese deutschnationale Eigenschaft gleichermaßen absprechen. Ein alter Satz in der Ethik des Judenthums, den talmudischen Sprüchen der Väter, lautet: Richte deinen Genossen nicht, ehe du dich nicht in seine Stelle versetzst hast. Eingehen auf die Verhältnisse dessen, den man be- und verurtheilen will, liebevolles, unparteiisches Eindringen in seine Lage, das, sollte man meinen, stehe dem Ethiker vor allem an. Und wenn Sie, hochverehrter