Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1897)
- Article
- Offener Brief an Herrn Professor Friedrich Paulsen
- Date
- 1897-12-01
- Page
- 595 (sequence 5)
- Language
- German
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Offener Brief an Herrn profeffor Friedrich paulsen. 695 2. der Ueberiritt ohne solche Ueberzeugung aber a) frivol ist, wenn der Uebertretende beide Religionen geringschätzt oder für gleichgültig ansieht, b) heuch! erisch, wenn er von dem höheren oder gleichen Werthe der alten überzeugt ist, o) feig, wenn der Grund des Uebertritts Flucht von der unterdrückten, zurückgesetzten Religion zur herrschenden, von der ecclesia pressa zur dominans ist, d) entwürdi gend, wenn äußere Vortheile, Gewinn- oder Ehrsucht, Staats- und Ehrenämter zum Uebertritt verlocken, s) meineidig, wenn der Uebertretende das Glaubensbekennlniß, das er beim Uebertritt abzulegen hat, nicht voll und buchstäblich für wahr hält, endlich I) pietätlos und geschichtswidrig, insofern der Uebertretende den geistigen und seelischen Zusammenhang mit seinen Ahnen und seinen Leidensgenoffen löst. Ihnen, verehrter Herr Profeffor, gilt als Gegensatz der Assimilierung „die Erhaltung des Judenthums, der Religion und des Volksthums in seiner geschichtlichen Besonderheit", Sie meinen, der Jude verlange nicht Duldung für das Judenthum, bis vor einem Jahrhundert die einzige Forderung, „sondern volle Gleichstellung, völlige Indifferenz der Gesellschaft und des Staats gegen die Thatsache, daß Jemand Jude sei." (II, 523.) Allerdings stehen wir nicht mehr auf dem Duldungsstandpunkte, von dem Heine sang: Ein Jahrtausend schon und länger Dulden wir uns brüderlich. Du, du duldest, daß ich äthme. Daß du rasest, dulde ich. Seit Lessings Nathan, seit Gabriel Rieffer's, des gleich tüchtigen Deutschen wie Juden, mannhaftem Auftreten, heißt nicht mehr Duldung» die Losung, sondern Recht und Gerechtigkeit, nur von denen verkannt, die auf dem leidigen Standpunkte des Autochthonenthums, auf dem altgriechischen Barbaren- und Helotenstandpunkte stehen, oder die dem alten Pharaonensatz huldigen: sie könnten zu viel werden. Ihre Ausführungen, hochverehrter Herr Profeffor, sind weit kürzer und schneidiger in der alten Anklage Haman's enthalten: „Da ist ein Volk, einzeln, zerstreut, abgesondert von den Völkern in allen