Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1897)
- Article
- Offener Brief an Herrn Professor Friedrich Paulsen
- Date
- 1897-12-01
- Page
- 594 (sequence 4)
- Language
- German
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694 3m deutschen Reich. Zweifel, Sie wollen gerecht richten. Sie wollen die schwere Frage lösen und da» „Beiden, den Antisemiten und den Juden, zum Bewußtsein bringen". (Il, 522). Beiden? Sind das die richtigen Gegensätze? Sind wir schon so weit, daß das Volk in diese beiden Gegensätze zerfällt, daß, wer nicht Jude — Antiiemit ist? Und Ihre Lösung: „Die vollständige Assimilierung der Juden durch die europäischen Nationalitäten." (II, 522.) Ist die etwas Neues? Seit länger als einem Jahrhundert ist dieser Assimilierungsprozeß in Amerika, in Frankreich, seit fast so langer Zeit in Deutschland, auch trotz der früheren gesetzlichen Schranken, vor sich gegangen. Haben sich die Juden, die an den Freiheitskriegen gegen Napoleon freiwillig, ohne Gesetzeszwang, theilnahmen, nicht assimiliert, und waren sie weniger Vertreter des Judenthums als irgend ein Hausierer? Aber Sie geben dieser „vollständigen Assimilierung" eine eigenthümliche Bedeutung, Sie wollen sie nicht politisch, nicht national, nicht wirthschastlich, sondern wie es scheint, vorzugsweise religiös fassen, mit anderen Worten: Sie verlangen die Taufe. Das Erforderniß ist nicht neu. Sie theilen es mit der Mehrzahl christlicher Theologen fast aller Jahrhunderte, den mittelalterlichen und den neuzeitlichen, theilen es mit Historikern wie Treitschke, der „Mendelssohns edles und großes Wirken" als Beweis „für alle Zukunft" hinstellt, „daß der deutsche Jude wahren Ruhm erringen kann, wenn er ganz und ohne Vorbehalt im deutschen Leben aufgeht" (Deutsche Geschichte IV, 455). Wohlgemerkt: vom getauften Juden Felix Mendelssohn sagt das Treitschke, nicht etwa von seinem ungetansten Großvater Moses. Und nun, hochverehrter Herr Professor, lassen Sie sich auch sagen, warum ich und meine Glaubensgenossen, die gleich mir denken und fühlen, gleich mir Deutschland als ihr Vaterland verehren und kein anderes kennen, noch erstreben — dennoch sich nicht lausen lasten können: Weil 1. der Uebertritt von einer Religion zur anderen nur dann ehrenhaft und anständig ist, wenn der Uebertretende von der überwiegenden Trefflichkeit der neuen Religion nicht nur, sondern auch von der Mind.erwerthigkeit der alten überzeugt ist,