Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1897)
- Article
- Offener Brief an Herrn Professor Friedrich Paulsen
- Date
- 1897-12-01
- Page
- 592 (sequence 2)
- Language
- German
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892 Im deutschen Reich. thum (I. 90) als „ausgegangen von dem verachtetsten aller Völker, den Juden", Ihr geschichtlicher Ueberblick über die Ethik kennt nur Griechen und Christen. Die Ethik des Judenthums, sowohl des alttestamentarischen, der Psalmen und Propheten, dieser Quellen des Christenthums, als des späteren, in den mit der Ent» stehungözeit des Christenthums ziemlich gleichlaufenden, wo nicht älteren Sprüchen Sirachü, Sprüchen der Väter u. s. w., übergeht Ihr Geschichtsblick ebenso, wie ihm das ungemein reichhaltige Gebiet der talmudischen und rabbinischen Ethik, eine Fundgrube für die Geistesschätze eines Jahrtausend, wie ihm die, trotz bitterster Lebenserfahrungen nach den idealen Höhen sittlicher Vervollkommnung und opferwilliger Menschenliebe gerichteten Sittenbücher mittelalterlicher Rabbiner entgangen sind. Sie wiederholen (I, 66) die alte Ueberhebung der Bergpredigt über das Alte Testament, obgleich doch jedem Bibelkundigen klar ist, daß in ihr die Worte des Alten Testaments unrichtig miedergegeben sind, daß nirgend hier ein Wort zu finden ist vom Haffe der Feinde, obgleich jedem Denker einleuchten muß, daß es ein Sophistenstück ersten Ranges ist, R e ch t s p a r ö m i e n, wie das sprichwörtliche „Auge um Auge", mit Sitten Vorschriften in Parallele zu setzen. Sonst so klar und scharfsinnig in Ihrer Kritik, auch des Christenthums, entbehren Sie — und das theilen Sie mit vielen Amts-, Berufs- und Ruhmesgenoffen auf dem Lehrstuhl und in der Wiffenschaft — ja, füge ich leider hinzu — das theilen mit Ihnen auch viele minder gelehrte, minder begabte, minder belesene Juden — jeder Kenntniß der umfangreichen jüdischen Literatur. Das ungebildete Volk schätzt heute noch die Juden nach den ihm unliebsamen Mitbewerb machenden Händlern, nach den üblen Elementen, und nennt diese Auswüchse, nicht solche der menschlichen Gesellschaft, sondern Auswüchse des Judenthums. Auch die gebildeten Schichten lassen sich vielfach in ihrer Abschätzung des Judenthums von Gründen des Mitbewerbs leiten, ganz so wie Heine's Atta Troll aus der Zeit der Emanzipationskämpfe: Ja, sogar die Juden sollen Volles Bürgerrecht genießen, Und gesetzlich gleichgestellt sein Allen andren Säugethieren. Nur das Tanzen auf den Märkten Sei den Juden nicht gestattet.