Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 11 (November 1897)
- Article
- Vereinsnachrichten
- Date
- 1897-11-01
- Page
- 573 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2316602-2316624-2316635-2321384--03258-2321484- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
vereinsriachnchten. 573 sagte: „Seit 18 Jahren bin ich getauft und es hilft Alles nichts. Jude, Jude, das ist der letzte Heller aus der Sparkasse ihres Witzes!" Das, was Börne das „unverdiente Glück" nannte, „ein Deutscher und zugleich ein Jude zu sein", hatten beide Schriftsteller verscherzt. Daß Heine's jahrelange Leiden seine Gegner nicht milder stimmten, daß noch heute die Dunkelmänner gegen ihn wüthen, beweist aber nur, daß er Rohheit und Dummheit, Pedanterie und Heuchelei mit Erfolg vor den Richrerstuhl seines Humors gefordert hat. Der schlichte Leichenstein auf dem Pariser Kirchhofe Montmartre trägt nur den Namen Heinrich Heine. Einer marmornen Bildsäule bedarf er nicht; seine in alle europäische Sprachen, sogar auch in's japanische übersetzten Werke sind sein schönstes Denkmal. Wer vor Heine's einfachem -Grabstein steht, weiß: „Hier ruht ein deutscher Dichter!" — Anhaltender Beifall belohnte den Redner, dessen Vortrag wir im vollen Wortlaut in einem der nächsten Hefte dieser Zeitschrift wiedergeben zu können hoffen. — Herr Rechtsanwalt Dr. Horwitz wies darauf hin, daß der soeben gehörte Vortrag, dessen treffliche Diktion den vollen Eindruck der der Heine'schen Prosa nachgerühmten Vorzüge gemacht habe, für deutsche Juden besonders lehrreich gewesen sei, denn dieselben Feinde, welche sie vaterlandslos machen möchten, sind es auch, welche Heiners Andenken beständig schmähen. Aus dem Lebensgang des Dichters sollte man aber auch die Lehre ziehen, daß man bei dem Judenthum ausharren müsse, nicht nur aus Pflichtgefühl und Treue, sondern auch aus Klugheit, weil den sich Abwendenden die jüdische Abstammung doch niemals verziehen werde. Der Vorsitzende veranlaßte sodann die Anwesenden, dem Redner durch Erheben von den Sitzen Dank und Ehre zu zollen. — Nach kurzer Pause machte der Vorsitzende der Versammlung geschäftliche Mittheilungen, welche wiederholt lebhaften Beifall hervor- -riefen. Er betonte, daß der Vorstand in letzterer Zeit nur noch selten Anlaß gehabt habe, die Gerichte anzurufen, weil einerseits das Bestehen des beständig zur Abwehr gerüsteten Vereins die Gegner vorsichtiger gemacht habe, andererseits aber der roheste Antisemitismus im Rückgänge befindlich sei. Dies berechtige aber weder zum Jubel noch zur Unthätigkeit, denn jetzt habe man es mit dem latenten Antisemitismus zu thun, der noch weit gefährlicher als der Radau- Antisemitismus sei, weil er versteckter und höher niste. Während sich dadurch die Anregung zum strafrechtlichen Einschreiten verminderte, vermehrte sich der Anlaß, die Verwaltungsbehörden anzugehen, und dabei zeigte eS sich stets, daß bei einer unentwegten Zähigkeit in der Verfolgung unseres guten Rechts bis zur letzte'