Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 11 (November 1897)
- Article
- Umschau
- Date
- 1897-11-01
- Page
- 555 (sequence 9)
- Language
- German
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Umschau. 555 stadt Wien, s o lendenlahm, volkloS und ehrlos, in diesen Kämpfen nicht auf tritt? Seid einig! Das ist das erste Wort." Zu dieser Kundgebung bemerkte das „Berliner Tageblatt": „Mommsen ist erstaunt über den unheilvollen Einfluß, den in Oesterreich die Judenhetze auf die politischenParteiverhältnisse ausgeübt hat. Dies Erstaunen des großen Geschichtsforschers beweist unseres Dafürhaltens nichts anderes, als daß er inmitten seiner kritischen Forschungen nicht die genügende Muße finden konnte, dieser für die gedeihliche Entwickelung Oesterreichs ganz besonders verhängnißvollen Bewegung, welche „die Apostel der Barbarisierung" eingeleitet und zu entsetzlicher Bedeutung gebracht haben, seine volle Aufmerksamkeit angedeihen zu lasten. Sonst wäre es dem unerbittlich scharfsinnigen Kritiker Mommsen nicht entgangen, daß „das de kompositorische Element" in Oesterreich nicht sowohl die Juden, als vielmehr die Juden Hetzer, nia)t sowohl „die Semiten", als vielmehr „dieAntisemiten" sind. Diese sind in Wahrheit das Unglück Oesterreichs, denn sie und nur sie allein haben die Möglichkeit eines geschlossenen Vorgehens aller liberalgesinnten Deutschen gegen die slavische Phalanx noch in letzter Stunde zerstört." Jedenfalls hat der Brief Momrnsen's den antisemitischen Wiener Bürgermeister in Aufregung versetzt, dadiesersich gegen denselben in der am 3. November abgehaltenen Gemeinderathssitzung in den schärfsten Ausdrücken verwahrte. Seine massive Derbheit veranlaßte die „Nordd. Allg. Ztg." zu nachstehender Aeußerung: „Wir haben keinen Anlaß, auf diese Dinge einzugehen, so lange die Wiener sich unter sich schimpfen. Wenn aber der Doktor Lueger wirklich gesagt haben sollte: „Den Reichsdeutschen und Mommsen rufe er zu: Hand weg von Oesterreich!", so müßten wir annehmen, daß der Mann sich nicht im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte befand, indem er an verantwortlicher Stelle gegen die „Reichsdeutschen" insgesammt eine Insinuation richtete, zu der diesseits nicht der geringste Anlaß gegeben ist." Wie sich die österreichischen Antisemiten jetzt unter sich verhalten, ist für den Verlauf der antisemitischen Bewegung sehr lehrreich; denn die stürmischen Szenen, welche sich in letzter Zeit in .dem österreichischen Parlament, im Wiener Gemeinderath und in den Versammlungen der dortigen Christlich-Sozialen und Deutsch-Nationalen abspielten, mußten jeden Unbefangenen überzeugen, daß die Judenhetze nur die Ouvertüre zur antisemitischen Oper war, in deren brausendem Finale das judenfeindliche Leitmotiv kaum noch durchklingen dürfte.