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Im deutschen Reich · 1897-11-01 · Heft 11 (November 1897) · p. 554

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
3 (1897)
Issue
Heft 11 (November 1897)
Article
Umschau
Date
1897-11-01
Page
554 (sequence 8)
Language
German
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554 Im deutschen Reich. der erstere auf den Boden des Hauses, der letztere in den Garten flüchtete. Pfisterer wurde durch einen Israeliten in Sicherheit gebracht. Eine Anzahl der Exzedenten (13, darunter 4 Juden), sind wegen Landfriedensbruchs in Haft genommen worden; ein Gesuch wegen vorläufiger Entlassung gegen Stellung einer Kaution wurde abgelehnt. Die erhobene Anklage richtet sich gegen Bernhard Kramer und Genosien. Die nicht genug zu tadelnde „Freibierspende", welche wahrscheinlich den Anlaß zu dem für alle Betheiligten sicher verhängnißvollen Zwischenfall gegeben hat, scheint übrigens bei den Wahlkämpfen in Baden nichts Ungewöhnliches zu sein, denn nach einem aus dem 2. badischenWahlbezirke der „Berl.Morgenzeitung" zugegangenen Berichte war dort folgendes Plakat der Klerikalen angeschlagen: „Dienstag Abend 7 Uhr, den 19. Oktober, im „Löwen" politische Besprechung durch Rechtsanwalt Dr. 9ioe von Konstanz, wozu alle Wahlberechtigten eingeladen werden. Hundert Liter Bier frei!" Der ehemalige Konsul Köster hat in dem so heiß umstrittenen Wahlkreis keinen e i n z i g e n W a h l m a n n für sich durchgebracht. Dagegen ist es den Anstrengungen der deutsch-sozialen Reformpartei in Baden gelungen, ihren Kandidaten M a m p e l im Landtagswahlkreise Heidelberg-Land durchzubringen, so daß immerhin künftig zwei Antisemiten im badischen Landtage Sitz und Stimme haben werden. Daß es dahin gekommen, ist nicht auf ein etwaiges Anwachsen des Judenhasses in Baden, sondern auf die politischen Zerwürfnisse innerhalb der liberalen Parteien und zwischen diesen und den Klerikalen zurückzuführen, wobei der Antisemitismus als tertius gaudens die Möglichkeit erhält, die argen Wirren noch ärger zu gestalten. Nirgends zeigt sich aber diese zersetzende Macht so schlimm, wie in der österreichischen Neichshauptftadt, deren antisemitische Leiter bei den Kämpfen des Deutschthums eine Rolle spielen, welche die Begeisterung für sie in vielen Reihen ihrer früheren Anhänger erheblich abkühlen muß. Der greise Geschichtsschreiber Theodor Mommsen hat in einem, in der „Wiener N. Fr. Presse" abgedruckten Briefe die ganze Schale seines Zornes über diejenigen ergossen, welche an den Grundfesten des österreichischen Kaiserstaates rütteln und dabei dem antisemitischen Bürgermeisters Wiens Di'. Carl Lueger und seinen christlich - sozialen Hintermännern recht bittere Wahrheiten gesagt. Mommsen schrieb z. B.: „Wie ist es nur möglich, daß, wo alles auf de m Spiele steht, eine relativ so nebensächliche Frage, wie die Stellung der Semiten im Staate, die Einigkeit gefährdet? Wie kann es geschehen, daß die österreichische Hauptstadt, die alte, deutsche Kaiser-

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