Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 11 (November 1897)
- Article
- Umschau
- Date
- 1897-11-01
- Page
- 548 (sequence 2)
- Language
- German
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548 3m deutschen Reich/ ormirt werden sollen. Solche Tendenzen sind lediglich geeignet, die Absplitterung des Parteibestandes der Antisemiten an die schon bestehenden radikalen Parteien zu befördern." Selbstverständlich werden diese Tendenzen, sobald sie durch offene Aussprachen einzelner etwas unvorsichtiger antisemitischer Führer kund werden, sofort wieder von denjenigen antisemitischen Parteimännern, die es mit den Konservativen doch nicht ganz verderben möchten, vorsichtig umhüllt, aber dies täuscht die maßgebenden Kreise nicht mehr. Diese theilen die Ueberzeugung des Freiherrn v. Stumm, daß auch die Antisemiten den Umsturz der heutigen Gesellschaftsordnung anstreben und sich nur deshalb an den Mittelstand halten und diesen unzufrieden machen, weil sie in den Arbeiterkreisen auf ein unbesiegliches Mißtrauen stoßen. Deshalb betrachten die antisemitischen Führer nach wie vor den Mittelstand, dem sie seitJahren goldeneBerge versprochen haben, ohne daß die Judenhetze die Lage der christlichen Handwerker bisher irgend günstiger gestaltet hat oder gestalten konnte, als ihre eigentliche Domäne. Jeder Versuch einer anderen Fraktion, den Handwerkern zu nützen, veranlaßt die Leiter der antisemitischen Bewegung zu den heftigsten Ausfällen. Schließlich befindet sich die große Zahl der berufsmäßigen Agitatoren in diesem verhältnißmäßig engen Kreise wie ein Gaul auf dürrer Haide, aber ein Ausbruch nach der nahen frischen, grünen Weide scheint doch zu gefahrvoll. Als auf dem im Oktober zu Nordhausen abgehaltenen Parteitag der deutschsozialen Reformer zu dem Thelna der „Arbeiterfrage" eine radikale Resolution vorgeschlagen wurde, erhoben sich sofort zahlreiche ängstliche Stimmen, welche diese Resolution sowie ihre Begründung als ruinös für den Mittelstand bezeichneten, so daß diese Sache zuletzt im Sande verlief. Selbst die antisemitische „Tägl. Rundschau" bezeichnete das Ergebniß der bezüglichen Verhandlungen als ein ä u ß e r st d ü r f t i g e s, das sich in die Worte zusammenfassen laffe: „Es bleibt Alles beim Alten; die deutsche Reformpartei will eine reine Mittelstandspartei bleiben und fühlt sich zur Zeit außer Stande, an eine ernsthafte Erörterung der Arbeiterfrage heranzutreten." Der auf dem Nordhausener Parteitag kundgegebene Entschluß, mit den anderen Parteien abzurechnen, die sich zwar gegen die Einwanderung russischer Juden erklärt, aber im Reichstage ihr Versprechen nicht gehalten haben sollen, wird wohl Niemand einschüchtern, weil selbst nach dem Urtheil der antisemitischen „Tägl. Rundschau" die Zerfahrenheit und Unklarheit der Reformpartei bei mehreren Gelegenheiten allzu deutlich hervorgetreten ist. Interessant war die