Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1897)
- Article
- Umschau
- Date
- 1897-10-01
- Page
- 506 (sequence 9)
- Language
- German
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506 Im deutschen Reich. rettet werden kann. Die Prager „Bohemia" schrieb am 16. Sept.: „Der in Wien herrschenden Partei dreht sich die ganze innere und äußere Politik Oesterreich lediglich um die Person Lueger's, und für diese Politiker giebt es für alle Mißstände, Unzukömmlichkeiten, großen und kleinen Gebresten in unserem Staatswesen nur einen Urheber, nur einen Schuldtragenden — den Juden. Das ist ein äußerst bequemer politischer Standpunkt, der Denkfaulste selbst kann ihn leicht einnehmen und findet sich bald zurecht, und für die Radaupolitiker, für die enthusiasmierten Freunde einer ewigen „Hetz" können keine brauchbareren Schlagworte ersonnen werden. Und alle jene volksfeindlichen, rückschrittlichen, herrsch- und selbstsüchtigen Elemente haben in dieser Bornirtheit der in Wien allmächtigen Clique einen starken Rückhalt und lassen darum kein Mittel unversucht, damit diese politische Strömung in Wien möglichst lange Oberwasser behalte. Der Jude muß herhalten, um jede ehrliche deutsche Veranstaltung zum Schutze und zur Förderung nationaler und wirthschaftlicher Interessen zu verdächtigen und zu stören, und mag auch bei einer solchen Veranstaltung kein einziger Jude Mitwirken oder irgendwie betheiligt sein, das macht alles nichts, die volksverrätherische Bosheit und Gemeinheit ist darum nicht entwaffnet, sie ist sogleich mit der Verdächtigung bei der Hand, daß die Veranstalter alle Judenknechte, von den Juden bestochen und abhängig seien. Aber das Eine muß uns zum Tröste gereichen: für solche geistige Beschränktheit und Bosheit ist fast nur in Wien noch einiger Nährboden vorhanden, bei den übrigen Deutschen und zumal bei jenen, die vom Schicksale in dem schweren nationalen Kampfe des gesummten deutsch-österreichischen Volkes, nicht blos der Deutschböhmen, in die vorderen Reihen gestellt worden sind, kommt Zucht, Besonnenheit, Einsicht und echte nationale Begeisterung immer mehr zum Durchbruche." Das Treiben im Wiener Gemeinderath gestaltet sich von Tag zu Tag wilder und widerwärtiger. Die jüdischen Mitglieder des Gemeinderathes überreichten demselben im Einverständnisse mit der fortschrittlichen Parteileitung ein Schreiben, worin sie die Beleidigung der Juden durch den vom Vicebürgermeister Dr. Neumayer eingebrachten Antrag gegen die Ernennung jüdischer Richter entschieden zurückweisen. Sie erklären, daß sie die Bekämpfung oder Widerlegung des Antrags Neumayer unter ihrer Würde halten. Aus Anlaß desselben Antrages hat der Wiener israelitische Kultusvorstand am 10. Oktober in einer einstimmig angenommenen Resolution gegen diese „Verunglimpfung der jüdischen Religion" öffentlich und-feierlich Protest erhoben.