Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1897)
- Article
- Umschau
- Date
- 1897-10-01
- Page
- 502 (sequence 5)
- Language
- German
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602 Im deutschen Reich. ähnlichen Gedanken wie Ahlwardt; in einem schon von seiner Sommerresidenz aus an seine Getreuen gerichteten Brief zieht er unter Anderem auch gegen die Juden los und stellt in Aussicht, daß seine Anhänger bei den kommenden Wahlen wieder mitthun wollen. Der schleswigholsteinische Antisemitenführer Graf Reventlow und der ihm als Schildknappe dienende Porzellanmaler Raab, der es glücklich zum Hamburger Bürgerschaftsmitglied gebracht hat, traten bereits in verschiedenen Versammlungen für ein selbstständiges Vorgehen der deutsch« sozialen Reformpartei bei den Wahlen ein; jedoch verwahrte sich Raab dabei ausdrücklich dagegen, daß die alleinige Aufgabe dieser Partei in der Bekämpfung des Judenthums bestehe. Er hat auch bereits in der Hamburger Bürgerschaft außer mehreren judenseindlichen Anträgen einige sozialpolitische gestellt, offenbar um in den zahlreichen Wahlkreisen, in welchen er kandidirt, Arbeiterstimmen zu fangen. Was von der zeitweisen Lossagung einzelner Antisemiten von dem radikalen Antisemitismus zu halten ist, zeigt die Haltung des öffentlich zum bayerischen Bauernbund übergetretenen oberhessischen Abg. Köhler- Langsdorf. Von diesem schreibt die „Wormser Ztg.": „Der Name des Herrn Köhler steht noch heute in der zu Offenbach verlegten antisemitischen „Deutschen Volksmacht" als deren Verleger unterschrieben. Was aber in diesem Blatte seit langer Zeit zu lesen war, ist nicht blos „Radau", sondern es ist die demagogischste Volksverhetzung, die nur gedacht werden kann." Es thut Noth, dieses wüste Treiben zu beleuchten, weil der momentane Rückgang des Antisemitismus in Berlin leicht zu der Annahme verleiten könnte, als ob nun die Gefahr der antisemitischen Bewegung im ganzen Reiche beseitigt sei. Das wäre aber ein sehr verhängnißvoller Jrrthum, denn an vielen anderen Stellen, vorzugsweise gerade dort, wo es wenige Juden giebt, .wird jetzt die antisemitische Agitation heftiger als vorher betrieben. In Orten, wo man es für ganz unnöthig erachtet, die Dämme zu befestigen, kann sogar eine plötzliche antisemitische Hochfluth den Sorglosen sehr unliebsame Überraschungen bereiten. Selbst in Berlin dürfte das offene Eingeständniß des Redakteurs der Staatsbürger-Zeitung, Johannes Wilberg, daß hier dieeinst soblüh endeBewegungsich augenblicklichimStillstande befinde, weil Jeder in Vereinen und Vereinchen herumquacksalbere", ein Wiederaufraffen der Judengegner veranlassen, weshalb jetzt mehr als je Wachsamkeit und Eifer im Dienste der Sache der Aufklärung und Duldsamkeit dringend geboten erscheint. Zunächst