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Im deutschen Reich · 1897-10-01 · Heft 10 (Oktober 1897) · p. 499

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
3 (1897)
Issue
Heft 10 (Oktober 1897)
Article
Umschau
Date
1897-10-01
Page
499 (sequence 2)
Language
German
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Umschau. 499 solchen Verhältnissen konnte es nicht fehlen, daß der plötzliche Wettbewerb von Hunderttausenden, welchen ein tausendjähriges Unrecht verhindert, der erwachte Rechtssinn des deutschen Volkes aber endlich zugelassen hatte, bei solchen auf Widerspruch stieß, die dadurch ihre bisher durch veraltete Vorrechte geschützten Interessen als bedroht erachteten. Der friedliche Ausgleich, der zweifellos sich dennoch rasch vollzogen hätte, wurde durch gewissenlose Hetzer verhindert, die den Klassen-, Rassen- und Religionshaß entflammten und die Bekämpfung der den deutschen Juden gewährten Rechte zu einem politischen Parteiprogramm machten, um dadurch selbst die einflußreichen Stellungen politischer Parteiführer zu erringen. Seit einiger Zeit bilden in Deutschland die offenen Antisemiten eine allerdings nur durch den Judenhaß zusammengehaltene politische Partei, während die deutschen Juden je nach Ueberzeugung und Neigung den verschiedensten politischen Parteien angehören und stets mit Aufnahme einiger durch die erlittenen Verunglimpfungen auf einen falschen Weg geleiteten Schwärmer in staatlicher und volklicher Beziehung als echte deutsche Staatsbürger empfinden und handeln. Wenn sie dabei in der Mehrzahl sich den Oppositionsparteien zugesellen, spricht dies keineswegs gegen ihre vaterländische Gesinnung, die sie vielmehr gerade dadurch bewähren, daß sie nicht ein System befördern, bei welchem weder die Emanzipation vom Jahre 1869 einer Wahrheit wird, noch die Wünsche derjenigen befriedigt werden, welche beständig betheuern, das; sie nicht die jüdische Religion, sondern die Nasse befehden. In Wirklichkeit ist ja unter den jetzigen Verhältnissen auf die Taufe eine sehr hohe Prämie gesetzt und auch zum Aerger der Rasse-Antisemiten denen sofort der Pfad geebnet, die den Glauben der Väter mit oder ohne Ueberzeugung abschwören. Die Letzteren sind sogar als charakterlose Streber für viele Dinge verwendbarer, als minder gefügige Naturen und, wenn sie später auf schlüpfrigen Wegen entgleisen, wieder denjenigen zuzuschieben, von denen sie sich vorher leichten Herzens getrennt haben, um besser vorwärts zu konnnen. Dagegen sind die deutschen Juden, welche unter schweren Entbehrungen ihrem Glauben und mit Opferfreudigkeit ihrem deutschen Vaterlande gleich treu anhängen, keine Glücksjäger, sondern ideale Naturen; sie treiben keine Jnteressenpolititik, sondern vertheidigen mit ihren staatsbürgerlichen Rechten gleichzeitig das Wohl des gesummten Vaterlandes, das nicht gedeihen kann, wenn ein großer Bruchtheil deS deutschen Volkes beständig schweren Kränkungen ausgesetzt ist. Als unverbesserliche Optimisten hoffen die deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens, daß sie trotz aller antisemitischen Angriffe mit der Zeit 33*

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