Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 9 (September 1897)
- Article
- Vereinsnachrichten
- Date
- 1897-09-01
- Page
- 453 (sequence 2)
- Language
- German
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Vereinsnachrichten. 453 insgesammt 112 Personen neuerdings ergangenen Ausweisungsbefehl noch mehr entvölkert zu werden. Wie schwer dies diese Gemeinde trifft, wie groß das Unglück der jetzt Ausgewiesenen ist, spottet jeder Beschreibung. Diese Ausgewiesenen waren nicht gerade arme Leute — heute freilich sind sie es fast alle — sie wußten sich allesammt gut zu ernähren; manche waren sogar bis zu einem gewiffen Grade zu Wohlstand gelangt und besaßen selbst eigene Grundstücke, Mit ihrer Ausweisung war ihr Erwerb und Wohlstand vernichtet. Niemand wollte ihnen weiterhin einen Pfennig anvertrauen und ihre Gläubiger legten Beschlag auf ihren Besitz. Den letzten Pfennig verwandten die Unglücklichen auf vergebliche, oft auch ungeeignete Bemühungen, sich die Aufenthaltsgestattung zu erwirken. Einzelne, denen man längere Fristen nicht gewähren wollte, wurden, wenn sie den Ort nicht rechtzeitig verlassen konnten, mit hohen Geldstrafen belegt und bei Zahlungsunfähigkeit wurde die Geldstrafe in Gefängnißstrafe umgewandelt und auf das Unnachsichtigste vollzogen. Manche haben, so lange sie noch etwas besaßen, die Geldstrafe einauch zweimal bezahlt, haben sich auch ein- und zweimal 8 bis 14 Tage einsperren lassen — wohin hätten sie denn auch ohne Geldmittel gehen sollen? Mit solchen Strafen soll fortgefahren werden, bis alle Ausgewiesenen den Ort verlassen haben. Da nunmehr sämmtliche, mit vieler Mühe erwirkten Fristen abgelaufen, so sind von demselben Verfahren alle Ausgewiesenen bedroht, darunter Greise und Greisinnen über 70 Jahre, die den größten Theil ihres Lebens in Memel gelebt haben; mehrere jüngere Frauen, Töchter Memeler Bürger, die nur deswegen den Ort verlassen und ihren Männern, die nach der Ausweisung bereits ausgewandert sind, in's Exil folgen sollen, weil sie solche aus Rußland eingewanderre Männer geheirathet haben. Ja gerade diesen Frauen wird am meisten mit Strafen und Strafdrohungen zugesetzt. Für diese unglücklichen Ausgewiesenen sind Sammlungen eingeleitet worden; hoffentlich gehen bei dem Schatzmeister des Komitees, S. Bloch, in Memel zahlreiche Geldspenden ein, die das Elend, welches die Ausweisungsbefehle verursacht haben, lindern helfen. Inzwischen ist an Se. Excellenz den Minister des Innern, Freiherrn v. d. Recke, eine Eingabe des Vorstandes des Central- Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens abgegangen, welche mit der Bitte schließt, „weitere Ausweisungen solcher fremdbürtiger Juden, die länger als ein Jahr in Memel wohnen und dort eine Existenz sich gegründet haben, zu verbieten, von den bereits verhängten Ausweisungen