Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 9 (September 1897)
- Article
- Berlin
- Date
- 1897-09-01
- Page
- 438 (sequence 4)
- Language
- German
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438 3m deutschen Reich. Zustände dürften in der nächsten Zeit, wenn sich das Gerücht bewahrheiten sollte, im Geschichtsunterricht des hiesigen Andreas- Realgymnasiums einreißen. An dieser Anstalt ist bereits die Stelle eines ausgeschiedenen Historikers durch einen Herrn, der keine Lehrberechtigung in Geschichte hat, besetzt worden. Jetzt ist auch der zweite Historiker, Dr. Adolf Lent, gestorben, und an seiner Stelle soll nun der jüdische Hülfslehrer Dr. Jsmar Mo 8 ler angestellt werden. Auch dieser Herr ist nicht Historiker vom Fach, sondern hat nur nebenher die Lehrberechtigung in Geschichte für Mittelklassen erworben. Gleichwohl ist er für die Stelle eines ersten Historikers in Aussicht genommen, wenigstens hat er auf Veranlassung des Stadtschulraths schon Probeunterricht am Andreas-Realgymnasium ertheilen müssen. Da dürfte denn, ganz im Gegensatz zum Willen des Kaisers, die Heranwachsende Jugend nicht zu viel Geschichte lernen und diese noch dazu vom jüdischen Standpunkte. Hoffentlich werden es sich christliche Eltern nicht gefallen lassen, daß ein Jude ihre Kinder in der neueren Geschichte unterrichtet; wie sollte dieser denn auch dem Reformationszeitalter oder der Zeit der Neubegründung des Deutschen Reiches gerecht werden können, selbst wenn er die nöthigen Kenntnisse besäße." — Toll sind nicht die Zustände, welche die „Staatsbürger Ztg." aufzudecken glaubt, sondern die Schlußfolgerungen, die sie aus der Probelektion des Dr. M o s l e r zieht. Dieser hat für alle Klassen die Lehrberechtigung für Latein, Griechisch, Geschichte und Geographie; daß er aber für die Stelle eines ersten Historikers in Aussicht genommen ist, weil er schon Probeunterricht am Andreas-Realgymnasium gegeben hat — das kann nur ein Unfähiger oder Böswilliger folgern oder vermuthen. Vielmehr wird dort einer der festangestellten Historiker vom Fach auf den bisher von Dr. Lent ertheilten Geschichtsunterricht Anspruch haben und sicherlich Dr. Lent's Nachfolger werden. Unrichtig ist, daß „die Stelle eines ausgeschiedenen Historikers durch einen Herrn, der keine Lehrberechtigung in Geschichte hat, besetzt worden" ist. Die meisten Geschichtsstunden sind in den Händen von Fachmännern, und der Herr, den die „Staatsbürger-Zeitung" vielleicht im Auge hat, giebt im ganzen 5 Geschichts- und 17 andere Stunden. Vollends in der Luft schwebt die Behauptung, daß „die Heranwachsende Jugend bei einem Lehrer, weil er Jude ist, nicht zu viel Geschichte lernen dürfte, und diese noch dazu vom jüdischen Standpunkte". Hier steckt das antisemitische Blatt den Pferdefuß heraus; ihm kommt es nur darauf an, daß Juden aus dem Lehrkörper der öffentlichen Anstalten verdrängt oder nicht in denselben gewählt werden. Zur Erreichung